Neuer Förderschwerpunkt: NDK startet fünf neue Verbünde für Langzeit- und Spätfolgen
Fünf neue Forschungsverbünde der Nationalen Dekade gegen Krebs untersuchen die Entstehung von Langzeit- und Spätfolgen nach einer Krebserkrankung und erforschen Möglichkeiten, diese besser vorherzusagen und zu verhindern.
Immer mehr Menschen überleben eine Krebserkrankung und leben viele Jahre mit den möglichen Folgen der Erkrankung und der Behandlung. Dazu können körperliche Beschwerden, psychische Belastungen und soziale Einschränkungen gehören, die den Alltag dauerhaft prägen. Oft ist unklar, warum manche Patientinnen und Patienten besonders betroffen sind, während andere nur geringe Langzeit- oder Spätfolgen entwickeln. Aus diesem Grund haben Patientenvertretende das Thema in den Gremien der Nationalen Dekade gegen Krebs als wichtigen Forschungsschwerpunkt eingebracht, um die langfristigen Bedürfnisse von Krebsüberlebenden stärker zu berücksichtigen.
Auf dieser Grundlage hat das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs die „Richtlinie zur Förderung von Forschungsverbünden zu molekularen Ursachen und Tertiärprävention von Langzeit- und Spätfolgen bei Langzeitüberlebenden von Krebserkrankungen“ gestartet. Gefördert werden interdisziplinäre Verbünde, die molekulare Mechanismen von Langzeit- und Spätfolgen erforschen und daraus Maßnahmen entwickeln, die diese Folgen möglichst verhindern. Ziel ist es, Risiken besser zu erkennen, Therapien zu verbessern und Nachsorgeprogramme gezielter auszurichten.
Fünf Verbünde, fünf Perspektiven auf Langzeitfolgen
Nach sorgfältiger Auswahl nehmen fünf Verbünde die Arbeit auf, die unterschiedliche Krebsarten und Therapien in den Blick nehmen und doch ein gemeinsames Ziel verfolgen: Lebensqualität und Lebenserwartung von Krebsüberlebenden verbessern. Sie kombinieren experimentelle, klinische und datenbasierte Forschung und binden Patientinnen und Patienten ein, damit deren Erfahrungen die Forschungsfragen schärfen.
BALANCE-ET – Endokrine Therapie im Gleichgewicht
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In Deutschland erkrankt etwa eine von acht Frauen im Laufe ihres Lebens. Rund drei Viertel der Betroffenen erhalten eine Hormontherapie (medizinisch: „endokrine Therapie“), weil ihr Tumor auf Hormone wie Östrogen reagiert. Diese Behandlung kann die Prognose deutlich verbessern, geht aber oft mit belastenden Nebenwirkungen einher: wechseljahrähnliche Beschwerden, Erschöpfung (Fatigue) und Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme können während und nach der Therapie auftreten und lange anhalten.
BALANCE-ET untersucht, wie sich die Hormontherapie langfristig auf Lebensqualität und Rückfallrisiko auswirkt und welche molekularen Faktoren dabei eine Rolle spielen. Die Erfahrungen von Patientinnen fließen dabei von Anfang an in die Forschung ein: Sie wirken in Gremien mit und helfen, Fragestellungen und Studiendesign an der Lebenswirklichkeit Betroffener auszurichten. Darauf aufbauend werden Strategien entwickelt, um die Dauer und Intensität der Hormontherapie individueller zu steuern.
PROSURV – Langzeitfolgen bei Darmkrebs besser vorhersagen
Darmkrebs gehört zu den häufigsten Krebsarten bei Frauen und Männern. Viele Betroffene werden operiert und erhalten zusätzlich eine Chemo- oder Strahlentherapie. Das kann Leben retten, hinterlässt aber nicht selten Spuren: chronische Müdigkeit, anhaltende Verdauungsprobleme, Nervenschäden in Händen und Füßen oder Schmerzen können den Alltag über Jahre beeinträchtigen. Heute lässt sich nur begrenzt vorhersagen, wen solche Langzeit- und Spätfolgen besonders treffen.
PROSURV bündelt deshalb Daten zu Tumoreigenschaften, Behandlungen und Verläufen von Darmkrebspatientinnen und -patienten und verknüpft sie mit Informationen zu späteren Beschwerden. Mithilfe moderner Analyseverfahren und Künstlicher Intelligenz will der Verbund Risikoprofile entwickeln, um Betroffene mit erhöhtem Risiko früh zu erkennen und Therapie- sowie Nachsorgepläne besser an ihre individuelle Situation anzupassen.
UncovRT – Nebenwirkungen nach Gehirnbestrahlung verstehen
Bei Hirntumoren ist die Bestrahlung oft ein zentraler Baustein der Behandlung. Sie kann Tumorzellen wirksam schädigen, trifft aber zwangsläufig auch gesundes Hirngewebe in der Umgebung. Die Folge können Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Veränderungen der Persönlichkeit oder andere neurologische Einschränkungen sein, die sich teils erst Jahre später zeigen und den Alltag der Betroffenen stark beeinflussen. Warum manche Patientinnen und Patienten solche Spätfolgen entwickeln und andere nicht, ist bislang nur teilweise verstanden.
UncovRT verknüpft Bildgebungsdaten (zum Beispiel MRT-Aufnahmen), Strahlendosen, Behandlungspläne und biologische Marker, um die zugrunde liegenden Mechanismen genauer zu untersuchen. So will der Verbund Muster identifizieren, die mit bestimmten Langzeitfolgen zusammenhängen, und Ansätze entwickeln, um gesundes Hirngewebe besser zu schützen und Betroffene im Verlauf besser zu begleiten.
TTRIS-CSI – Strahleninduzierte Sarkome früh erkennen
Strahlentherapie ist für viele Krebspatientinnen und -patienten unverzichtbar und oft lebensrettend. In sehr seltenen Fällen kann die Strahlung jedoch viele Jahre später selbst zu einem neuen Tumor führen, einem strahleninduzierten Sarkom. Diese bösartigen Weichteil- oder Knochentumoren sind meist schwer zu behandeln und treffen Menschen, die ihre erste Krebserkrankung bereits überlebt haben. Bisher ist nur unzureichend bekannt, welche Kombination aus Strahlendosis, individuellen biologischen Eigenschaften und anderen Faktoren dieses Risiko erhöht.
TTRIS-CSI untersucht Gewebeproben, Daten zur Erstbehandlung und genetische Besonderheiten von Betroffenen, um typische Muster zu erkennen. Ziel ist es, ein Vorhersagemodell zu entwickeln, das schon während der Planung einer Strahlentherapie auf ein erhöhtes Risiko hinweisen kann, damit Ärztinnen und Ärzte Behandlungen besser anpassen, gefährdete Personen engmaschiger nachbetreuen und langfristig neue Präventionsstrategien entwickeln können.
METUSALEM – Langzeitfolgen der CAR T Zelltherapie beim Multiplen Myelom
Die CAR‑T‑Zelltherapie hat die Behandlung bestimmter Blutkrebserkrankungen grundlegend verändert. Beim Multiplen Myelom – einer bösartigen Erkrankung des Knochenmarks – erhalten manche Patientinnen und Patienten eine Anti‑BCMA‑CAR‑T‑Zelltherapie, wenn andere Therapien nicht mehr wirken. Dabei werden körpereigene Abwehrzellen im Labor so verändert, dass sie Krebszellen gezielt erkennen und angreifen. Viele Betroffene profitieren davon und überleben deutlich länger, doch die Behandlung kann das Immunsystem dauerhaft schwächen: wiederkehrende oder schwere Infektionen, fehlende Antikörper und Störungen der Blutbildung sind mögliche Langzeitfolgen.
METUSALEM untersucht mit modernen Einzelzell- und Multiomics-Technologien, was im Immunsystem dieser Patientinnen und Patienten langfristig passiert. Der Verbund will verstehen, welche molekularen Veränderungen mit schweren Spätfolgen verbunden sind, und Biomarker identifizieren, mit denen sich individuelle Risiken früh erkennen lassen. So sollen Nachsorge und vorbeugende Maßnahmen gezielter geplant werden.
Beitrag zu Survivorship und Tertiärprävention
Mit der neuen Förderrichtlinie stärkt das BMFTR einen Kernbereich der Nationalen Dekade gegen Krebs: Cancer Survivorship und Tertiärprävention. Die fünf Verbünde zeigen, wie Deutschland molekulare Forschung, Versorgungsrealität und Patientenperspektive verbindet, um Langzeit- und Spätfolgen besser zu verstehen. Auf dieser Grundlage arbeitet die Nationale Dekade gegen Krebs daran, Nachsorge und Prävention für Krebsüberlebende wirksamer zu gestalten und ihre Lebensqualität langfristig zu verbessern.