„Diese Verknüpfung eröffnet neue Forschungswelten“
Welche Faktoren fördern Krebs, wie lässt er sich verhindern, früher erkennen und besser behandeln? Im Interview erläutert Prof. Katalinic, welche neuen Erkenntnisse die Vernetzung zweier großer Register ermöglichen könnte.
Im Juli 2026 wurden erstmals die Daten der NAKO-Gesundheitsstudie mit den Krebsregistern verknüpft. Die NAKO erhebt seit 2014 bei mehr als 200.000 Menschen Daten zu Lebensstil, Umwelt, Beruf und Genetik. Teilnehmende werden regelmäßig dazu befragt, wie sie leben, essen, arbeiten und sich bewegen, ob sie rauchen oder chronisch erkrankt sind. Ergänzt wird das durch körperliche Untersuchungen, Bilddaten und Bioproben. An die Krebsregister melden Ärztinnen und Ärzte bundesweit verpflichtend diagnostizierte Krebsfälle und wie sie diese behandeln. Im Interview erklärt Alexander Katalinic, welches Potenzial die gemeinsame Auswertung beider Datenquellen für die Krebsforschung und die Versorgung von Patientinnen und Patienten bietet.
Herr Professor Katalinic, in einer aktuellen Publikation im Deutschen Ärzteblatt haben Sie als Mitautor die Verknüpfung der NAKO-Studie mit den Krebsregistern beschrieben. Was macht diese neue Dateninfrastruktur so besonders?
Diese Verknüpfung eröffnet neue Forschungswelten. Wir können erstmals zwei so umfangreiche Quellen gemeinsam auswerten, die so umfangreiche Gesundheitsdaten von Menschen über eine lange Zeit hinweg aufzeichnen. Die Angaben in den Krebsregistern und der NAKO-Studie sind zwar faktisch anonymisiert, können aber über eine Verknüpfung nun wieder zusammengeführt werden. Dadurch können wir ermitteln, welche NAKO-Teilnehmenden an Krebs erkranken. Da in der NAKO erfasst wurde, welche Lebensgewohnheiten, Untersuchungsbefunde oder Merkmale die Menschen schon vor ihrer Erkrankung hatten, ist das ein enormer Schatz für die Präventionsforschung. Die NAKO lagert auch Bioproben ein, die wir auf genetische und molekulare Eigenschaften hin analysieren können, die bereits vor dem Ausbruch der Erkrankung vorlagen.
Welchen Beitrag kann die neue Dateninfrastruktur zur Prävention leisten?
Prävention beginnt mit einem besseren Verständnis dafür, was eine spätere Erkrankung womöglich begünstigt hat. Das betrifft Lebensgewohnheiten ebenso wie biologische Merkmale, Umweltbedingungen oder berufliche Einflüsse. Kennt man diese, lässt sich erforschen, ob und wie sich Risiken senken lassen.
Wenn wir in Blutproben oder Bilddaten Hinweise finden, die einer Krebserkrankung lange vorausgehen, lassen sich auch Früherkennungsangebote besser zuschneiden. Denkbar ist zum Beispiel, in einer Blut- oder Stuhlprobe nach frühen Krebsanzeigern zu fahnden.
Viele Krebsdatenprojekte versprechen langfristige Fortschritte für die Forschung. Wann und auf welche Weise könnten Krebspatientinnen und Krebspatienten ganz konkret von der Verknüpfung von NAKO und Krebsregisterdaten profitieren?
Wenn es gelingt, wichtige Risikofaktoren zu erkennen und zu beeinflussen, kann Krebs zukünftig in manchen Fällen verhindert oder früher entdeckt werden. Außerdem können wir anhand der Daten besser verstehen, warum Krebserkrankungen unterschiedlich verlaufen, welche Behandlung erfolgreicher ist und ob Behandlungsempfehlungen aus Leitlinien in der Routineversorgung umgesetzt werden. Mit dem Wissen kann die Versorgung verbessert werden.
Die Krebsregister existieren in Deutschland verpflichtend seit 2013, die NAKO-Studie läuft seit 2014. Warum war eine bundesweite Verknüpfung erst jetzt möglich?
Zunächst mussten die Teilnehmenden der NAKO in die Studie aufgenommen und über mehrere Jahre untersucht werden. Erst wenn genügend Daten vorliegen und ausreichend Zeit vergangen ist, lässt sich beobachten, ob und bei wem später Krebserkrankungen auftreten. Die bundesweite Zusammenführung der Register war auch von der Konzeption her anspruchsvoll. Es muss möglich sein, klar definierte Forschungsfragen zu untersuchen und gleichzeitig der Datenschutz gewährleistet sein.
Im Projekt der Nationalen Dekade gegen Krebs OUTLIVE CRC arbeiten Sie an neuen Biomarkern für eine individuellere Nachsorge nach Darmkrebs. Welches Problem möchten Sie damit lösen?
Noch erhalten alle Menschen die gleiche Nachsorge, obwohl ihr persönliches Risiko unterschiedlich sein kann. OUTLIVE CRC sucht daher nach Biomarkern, die eine individuelle Einschätzung des Risikos für ein Wiederauftreten oder eine neue Krebserkrankung ermöglichen. Wenn ein erhöhtes Risiko früher sichtbar wird, können wir möglicherweise rechtzeitiger reagieren.
Könnten große verknüpfte Datensätze aus Bevölkerungsstudien und Krebsregistern künftig helfen, solche Biomarker zu entwickeln oder ihre Aussagekraft zu überprüfen?
Ja, das ist ein wichtiger möglicher Anwendungsbereich. Oft entstehen erste Hinweise auf Biomarker zunächst in kleineren Forschungsprojekten. Nach den verdächtigen Kandidaten können wir dann in Bioproben oder anderen NAKO-Daten suchen und sie so an einer großen Kohorte überprüfen. Nur wenn sich ein vielversprechender Marker bei einem hohen Anteil von Betroffenen verlässlich zeigt, wird er in der Praxis in der breiteren Bevölkerung funktionieren.
Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Welche wissenschaftliche oder medizinische Frage in der Krebsforschung könnten wir in zehn Jahren dank vernetzter Krebsregister, Forschungsdaten und KI beantworten, die heute noch ungelöst ist?
Eine konkrete Frage lässt sich heute noch nicht benennen. Die neuen Datenstrukturen ermöglichen aber Analysen, die bisher technisch kaum möglich waren. So können wir genauer untersuchen, welche Kombinationen aus biologischen Merkmalen, Lebensweise, Vorerkrankungen und Behandlungen mit Krebsrisiken oder bestimmten Krankheitsverläufen zusammenhängen. KI kann dabei helfen, solche Muster in großen Datenmengen schneller zu erkennen. Die wissenschaftliche Prüfung ersetzt sie jedoch nicht.