Präzisere und schonendere Brustkrebsbestrahlung
Ein einfaches Brett mit Loch – und doch ein medizinischer Durchbruch: Das neue Lagerungssystem „X-Akt Mamma RTX“ macht die Strahlentherapie bei Brustkrebs präziser und schonender. Das patentierte System steht bereit für klinische Studien.
Mit rund 69.000 Fällen pro Jahr ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Bisher bestrahlt man die Brust meist in Rückenlage unter einem Linearbeschleuniger. Ein neues System soll die Behandlung verbessern – entwickelt wurde es in einer Kooperation zwischen der Hochschule Hamm-Lippstadt (HSHL) und dem Medizinischen Versorgungszentrum Aurich-Norden GmbH, Ostfriesland. Erfinder Christopher Stegmann, der für beide Institutionen tätig ist, sagt: „Keiner glaubt, dass es neu ist. Alle sagen: Das ist doch nur ein Brett mit einem Loch.“
Doch der Clou liegt im Detail: Die Patientin liegt auf dem Bauch, die Brust hängt durch ein Loch im Brett nach unten. Die Schwerkraft zieht sie vom Körper weg, was eine präzisere Positionierung ermöglicht – ein entscheidender Vorteil für die Bestrahlung.
Rückenlage hat entscheidenden Nachteil
Eine exakte Planung und Durchführung der Strahlentherapie ist entscheidend, um Schäden an Organen zu vermeiden. Dafür muss die Brust immer gleich positioniert werden. In der gängigen Rückenlage sinkt das weiche Brustgewebe auf den Brustkorb und liegt direkt über Herz und Lunge. Die Strahlen durchdringen nicht nur die Brust, sondern auch die darunterliegenden Organe, die durch die erhöhte Strahlenbelastung geschädigt werden können.
Bauchlage: Mehr Präzision, weniger Risiko
Bei der neuen Methode lässt sich die Strahlung nun viel präziser auf das Tumorgewebe richten, während die Nachbarorgane besser geschützt werden. Die Platte verlängert den Bestrahlungstisch, ohne ihn zu erhöhen oder die Bewegungsfreiheit des Bestrahlungsgeräts einzuschränken. Sie ist speziell für die Bauchlage konzipiert.
Das Brett aus westfälisch-ostfriesischer Kooperation ist nicht das erste System, bei dem Patientinnen auf dem Bauch liegen, aber das erste, das den Anforderungen des klinischen Alltagsbetriebs wirklich gerecht werde, sagt Stegmann, der zuvor recherchiert hatte. Er resümiert: „Tatsächlich gibt es Hersteller, die Lösungen für eine Bestrahlung in Bauchlage anbieten. Hierbei handelt es sich aber durchweg um Aufbauten, die auf den Bestrahlungstisch gesetzt werden, und dadurch die Freiheitgrade des Beschleunigers stark einschränken.“ Andere Lösungen setzen auf komplette Tischplattensysteme, deren Anschaffung sehr kostspielig ist. Das wollte er besser machen und suchte nach einer Lösung, die alle Anforderungen erfüllt: Das Material muss strahlendurchlässig und stabil sein. Damit das System praxistauglich ist, sollte es mit gängigen Geräten kompatibel, symmetrisch aufgebaut und leicht montierbar sein, außerdem kostengünstig.
Der Weg zum Patent
So entstand 2021 der erste Prototyp aus Holz. Die finale Carbon-Version folgte im April 2024, gefertigt von einem Hersteller, der sonst Teile für Kampfhubschrauber produziert. An der praktischen Umsetzung war das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) an der Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich maßgeblich beteiligt. Für die schnelle Montage wurde ein Mechanismus eingebaut, der ein Einrasten des Geräts am Strahlengerät ermöglicht. Dadurch ist es nun für viele Therapiezentren geeignet – auch in ländlichen Regionen.
„Uns geht es nicht um den Profit. Es gibt andere Systeme, die ebenfalls versuchen, den bisherigen Schwachstellen der Brustkrebsbestrahlung entgegenzuwirken, aber mehrere hunderttausend Euro kosten. Das können vor allem kleinere Kliniken nicht aufbringen. Wir wollen ein System schaffen, das sich jede Klinik leisten kann, um damit den Patientinnen noch besser helfen zu können“, sagt Stegmann.
Das System wurde bereits erfolgreich zum Patent angemeldet und soll nun in klinischen Studien getestet werden. Ob für eine spätere Serienproduktion ein Industriepartner gesucht oder ein eigenes Unternehmen gegründet wird, ist noch offen.