Personalisierte Immunonkologie am Krankenbett
Der erste Einsatz einer speziellen Immuntherapie bei einem Teenager zeigt das Potenzial gentechnisch veränderter patienteneigener T‑Zellen. Noch ist es ein individueller Heilversuch, doch er gibt Hoffnung auch für andere Patientinnen und Patienten.
Der erste Einsatz einer speziellen Immuntherapie bei einem Teenager zeigt das Potenzial gentechnisch veränderter patienteneigener T‑Zellen. Noch ist es ein individueller Heilversuch, doch er gibt Hoffnung auch für andere Patientinnen und Patienten.
Als Mailo im Juni 2025 nach Heidelberg kommt, ist seine Lage kritisch. Der 17-Jährige ist schwer krank, Metastasen haben sich in Leber, Lunge, Bauchraum und sogar im Gehirn ausgebreitet. Essen kann er kaum noch, eine große Metastase drückt auf den Magen. „Es war wirklich ganz kurz vor knapp“, erinnert sich Dr. Christian Seitz, der ihn am Hopp-Kindertumorzentrum (KiTZ) behandelt. „Als wir Mailos Befunde gesehen haben, diesen großen Tumor und die vielen Metastasen, haben wir zunächst gedacht, da ist nichts mehr zu machen“, sagt Seitz.
Und doch sitzt da ein Jugendlicher, der erstaunlich fit ist für sein schweres Erkrankungsstadium. Seit seiner Kindheit lebt er mit Nierenkrebs. Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung – immer wieder gibt es Hoffnung, und immer wieder kehrt der Krebs zurück. Anfang 2025 sind die etablierten Behandlungsoptionen ausgeschöpft.
Das KiTZ-Team schaut noch einmal genauer hin und untersucht Mailos Tumorzellen im INFORM-Programm auf immunologische Eigenschaften, für die aktuell neue Therapieansätze in Studien geprüft werden. Das Programm soll krebskranken Kindern mit Rückfall die Chancen auf personalisierte Therapien eröffnen, wenn Standardmethoden ausgeschöpft sind. Und tatsächlich findet sich etwas: Mailos Krebszellen produzieren verstärkt ein Protein namens PRAME. Genau solche molekularen Merkmale machen Krebszellen angreifbar.
Dr. Seitz leitet parallel zu seiner Tätigkeit als Kinderonkologe die Gruppe „Translationale Immuntherapie“ am KiTZ, die an Zell- und Gentherapien forscht. Zusammen mit seinem Team erwägt er bei Mailo eine neue Immuntherapie, die bislang nur bei Erwachsenen erprobt wird. „Die ersten klinischen Ergebnisse bei Erwachsenen mit schwarzem Hautkrebs stimmten uns zuversichtlich“, berichtet Seitz. Da es bislang keine klinischen Studien mit dem Ansatz für Kinder und Jugendliche gibt, konnte die Therapie nur im Rahmen eines individuellen Heilversuchs erfolgen.
Mailo und seine Familie wollen die Therapie, trotz Unsicherheiten. „Ich habe gesagt: Jetzt oder nie“, berichtet der junge Mann im Rückblick. Das Vertrauen in das Behandlungsteam ist groß.
„Man darf nicht nur darüber nachdenken, wie krank man ist“
Am 2. Juli erhält Mailo die Immuntherapie. „Da war ein bisschen Vorfreude – die Hoffnung, dass es besser wird“, weiß er noch. Direkt nach der Behandlung treten starke Nebenwirkungen auf, darunter hohes Fieber. Das ist ein bekanntes Zeichen dafür, dass das Immunsystem aktiviert wurde – das Ziel der Therapie.
Mailo richtet den Blick nach vorn. „Durchstehen und danach weitermachen“, so geht er die Therapiephase an. Seine Familie und die Gedanken an seinen geliebten Fahrradsport tragen ihn. Seine Haltung: „Man darf nicht nur darüber nachdenken, wie krank man ist – dann wird alles schlecht.“
Ein unerwartet gutes Ansprechen
Schon vier Wochen später zeigt die MRT-Untersuchung: Der Krebs zieht sich zurück. Ende Oktober bei der Nachkontrolle ist ein Großteil der Tumormasse verschwunden, verbliebene Bereiche zeigen keine Aktivität mehr. „Das ist ein sehr, sehr gutes Ansprechen – viel besser, als wir es erwartet hatten“, sagt Seitz. „Wenn man ehrlich ist, war unsere Hoffnung zunächst, die zahlreichen Metastasen so zu schrumpfen und so einzudämmen, dass der Haupttumor und möglichst auch Metastasen in Lunge und Leber gezielt chirurgisch entfernt werden können.“
So funktioniert Mailos Therapie
Mailo erhielt eine Zelltherapie, bei der aus eigenen Immunzellen ein lebendiges Medikament entsteht: T-Zellen werden entnommen, im Labor künstlich mit einer PRAME-Erkennung ausgestattet und zurückgegeben.
Die Therapie nutzt die natürliche Funktion von T-Zellen: Als Teil der Abwehr kontrollieren sie rund um die Uhr die Oberflächen unserer Zellen und schlagen Alarm, wenn sie Ungewöhnliches entdecken. Krebszellen entziehen sich dieser Kontrolle oft durch Manipulieren und Tarnen. Der eingepflanzte PRAME-Sensor hilft den Abwehrzellen, den Krebs gezielt zu erkennen und zu eliminieren.
Das Prinzip ähnelt der etablierteren CAR-T-Zelltherapie, setzt aber an anderen Krebs-Merkmalen an. Während CAR-T-Zellen Proteine erkennen, die aus der Zelloberfläche ragen, werden Mailos T-Zellen gegen ein Protein im Zellinneren abgerichtet. Dass PRAME dennoch erkannt wird, liegt daran, dass Zellen ihre Eiweiße fortwährend zerlegen und über so genannte HLA-Moleküle an der Oberfläche präsentieren.
Voraussetzung ist, dass der Tumor PRAME bildet und der passende HLA-Typ vorliegt. Beides trifft nur auf einen Teil der Patientinnen und Patienten zu: Etwa 30 bis 40 Prozent der Menschen tragen den nötigen HLA-Typ; PRAME wiederum findet sich bei vielen kindlichen soliden und Hirntumoren allerdings in unterschiedlicher Häufigkeit.
Insgesamt kommt die Therapie damit nur für einen kleinen Teil aller erkrankten Kinder infrage.
Von Heilung zu sprechen ist verfrüht
„Nach zwei Wochen lief er über den Gang – nach vier Wochen war er auf dem Fahrrad“, erinnert sich Seitz staunend über Mailos schnelle Genesung. Von Heilung will er dennoch nicht sprechen. Als erster jugendlicher Patient mit dieser Therapie bleibt unklar, ob der Krebs zurückkehrt. “Ich habe keine Glaskugel. Aber die Therapie wirkt viel besser als ich das jemals irgendwo gesehen habe bei einem Kind – oder überhaupt bei einem Patienten mit so viel Tumormasse“, sagt der Arzt. Mailo wird weiter engmaschig überwacht.
Der Fall ist für Seitz richtungsweisend: „Die Immuntherapie ist gekommen, um zu bleiben“, davon ist er überzeugt. „Sie ermöglicht es, sehr gezielt Tumorzellen anzugreifen und den Körper zu schonen.“ Ein entscheidender Vorteil mit Blick auf Langzeitfolgen bei Kindern. Nun geht es darum, diese Ansätze weiterzuentwickeln und mehr Menschen zugänglich zu machen. Im Fall von Mailo bot PRAME ein Angriffsziel; künftig wollen die Forschenden das Prinzip auch auf andere Tumormerkmale übertragen.
Vom Patienten zum Kollegen?
Für Mailo bedeutet die Therapie vor allem eines: neue Möglichkeiten. „Man sieht danach vieles anders“, sagt er. Er holt das Abitur nach und möchte Medizin studieren. Am liebsten in Heidelberg – auch wegen der guten Radsport-Förderungen. Und vielleicht, so hofft er, arbeitet er eines Tages sogar mit seinem behandelnden Arzt Christian Seitz zusammen.
Die beiden bleiben verbunden, bald steht die nächste Nachkontrolle an. Parallel läuft die Forschung weiter: Eine Studie mit weiteren Jugendlichen und Kindern soll die Ergebnisse verifizieren.
Seitz verfolgt Mailos Entwicklung weiter: „Er hat jetzt seinen Insta-Kanal, fährt Fahrradrennen, mit dem Fahrrad hoch, runter, durch den Wald. Ich sage immer, aufpassen! Dass du jetzt noch gegen einen Baum fährst, können wir nicht gebrauchen. “ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Aber ich glaube, er lässt sich da jetzt nicht von mir abhalten.“