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„Diese Studie verändert die Art, wie wir über Bauchspeicheldrüsenkrebs nachdenken.“

Ein neuer Wirkstoff sorgt weltweit für Aufmerksamkeit: In einer aktuellen Phase-3-Studie lebten Menschen mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs nach einer vorherigen Behandlung deutlich länger als unter der bisherigen Standardtherapie. Die Ergebnisse geben Anlass zur Hoffnung, auch wenn das Medikament derzeit noch nicht zugelassen ist. Prof. Dr. Thomas Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm war mit seinem Studienzentrum an der internationalen Studie beteiligt und ordnet die Bedeutung der Ergebnisse für Betroffene ein.

Herr Professor Seufferlein, viele sprechen bei der im Mai veröffentlichten Studie zu Daraxonrasib von einem Durchbruch. Was genau ist daran so neu und was bedeutet dieses Ergebnis ganz konkret für Patientinnen und Patienten?

Das Besondere ist, dass erstmals ein zentraler Treiber des Bauchspeicheldrüsenkrebses gezielt gehemmt werden kann: das Eiweiß KRAS. Dieses ist bei rund 90 Prozent der Bauchspeicheldrüsentumoren verändert und spielt eine entscheidende Rolle für Wachstum und Ausbreitung der Erkrankung. Über Jahrzehnte galt KRAS als praktisch „nicht angreifbar“. Nun ist es erstmals gelungen, diesen Mechanismus medikamentös zu blockieren.

Noch wichtiger sind die Folgen für die Patientinnen und Patienten: Die Studie wurde bei Menschen durchgeführt, deren Erkrankung trotz einer ersten Chemotherapie weiter fortgeschritten war. In dieser Situation waren die Behandlungsmöglichkeiten bislang sehr begrenzt. Mit dem neuen Wirkstoff erreichten die Betroffenen ein medianes Gesamtüberleben von 13,2 Monaten – deutlich mehr als die etwa sechs Monate, die bisher in dieser Therapiesituation üblich waren. Gleichzeitig verbesserte sich die Lebensqualität, und die Behandlung erfolgt als Tablettentherapie statt mit Infusionen.

Die Ergebnisse klingen vielversprechend – aber die Therapie ist bislang nicht zugelassen. Können Betroffene in Deutschland aktuell überhaupt davon profitieren?

Derzeit ist der Zugang leider noch stark eingeschränkt. In den USA gibt es ein sogenanntes Early-Access-Programm, über das ausgewählte Patientinnen und Patienten bereits Zugang zur Therapie erhalten können. Für Menschen aus Europa ist das jedoch mit erheblichem organisatorischem und finanziellem Aufwand verbunden. In Europa laufen derzeit beschleunigte Zulassungsverfahren. Zudem werden neue Studien vorbereitet oder gestartet, auch in Deutschland. Für die breite Versorgung steht die Therapie aktuell aber noch nicht zur Verfügung. Das ist für viele Betroffene verständlicherweise frustrierend, weil die Studienergebnisse bereits öffentlich bekannt sind.

Portraitbild von Prof. Dr. Seufferlein Artikelbild zu Thomas Seufferlein
Prof. Dr. Thomas Seufferlein ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Ulm und Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Mit seinem Team war er an der internationalen Phase-3-Studie zum KRAS-Inhibitor Daraxonrasib beteiligt. © Universitätsklinik Ulm / Heiko Grandel

Viele Patientinnen und Patienten verfolgen die Berichterstattung sehr genau. Welche Reaktionen erleben Sie – und wie gehen Sie als Arzt mit der Spannung zwischen großer Hoffnung und begrenzter Verfügbarkeit um?

Ich habe noch nie so viele Anfragen zu einer einzelnen Therapie erlebt. Schon während der Studie haben sich Menschen aus vielen Ländern gemeldet, weil sie teilnehmen wollten. Seit Veröffentlichung der Ergebnisse fragen viele Betroffene konkret nach einem Zugang zu dem Medikament.

Die Hoffnung ist absolut nachvollziehbar. Gleichzeitig ist es wichtig, realistisch zu bleiben. Mein Rat lautet ganz klar: Niemand sollte eine aktuell sinnvolle und verfügbare Behandlung aufschieben, weil er auf die neue Therapie wartet. Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine sehr aggressive Erkrankung. Wird eine notwendige Behandlung verzögert, kann die Krankheit so weit fortschreiten, dass spätere Therapieoptionen möglicherweise gar nicht mehr infrage kommen.

Sie haben bereits erwähnt, dass sich mit Daraxonrasib nicht nur die Überlebenszeit verlängern, sondern auch die Lebensqualität verbessern lässt. Wie wirkt sich die Therapie auf den Alltag der Betroffenen aus und welche Nebenwirkungen treten auf?

Die Studie zeigt, dass die Lebensqualität unter der Therapie länger erhalten bleibt als unter den bisherigen Standardbehandlungen. Zudem ist Daraxonrasib insgesamt besser verträglich als eine klassische Chemotherapie. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Hautausschläge, Durchfall und gelegentlich Übelkeit, die meist gut behandelbar sind. Da der Wirkstoff als Tablette eingenommen wird, entfällt für viele Patientinnen und Patienten zudem ein großer Teil der belastenden Klinikaufenthalte.

Wenn die Ergebnisse so überzeugend sind: Warum dauert es dann oft noch, bis solche Therapien im Klinikalltag ankommen?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Nach einer erfolgreichen Studie müssen zunächst Zulassungsanträge eingereicht und von den zuständigen Behörden geprüft werden. Gleichzeitig müssen Fragen zur zukünftigen Anwendung geklärt werden: Für welche Patientengruppen soll die Zulassung gelten? In welcher Therapiesituation wird der Wirkstoff eingesetzt?

Hinzu kommt, dass die Ergebnisse für Bauchspeicheldrüsenkrebs außergewöhnlich sind. Einen vergleichbaren Fortschritt haben wir in diesem Krankheitsgebiet seit Jahrzehnten nicht erlebt. Entsprechend viele neue Fragen entstehen jetzt gleichzeitig – wissenschaftlich, regulatorisch und organisatorisch.

Trotz aller offenen Fragen: Was macht Ihnen im Moment am meisten Hoffnung für die Zukunft der Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs?

Am hoffnungsvollsten stimmt mich, dass wir erstmals einen Ansatz haben, auf dem sich aufbauen lässt. Bereits jetzt laufen Untersuchungen, in denen die Wirkstoffe in früheren Krankheitsstadien eingesetzt werden – etwa vor oder nach Operationen oder in Kombination mit anderen Therapien. Darüber hinaus eröffnet sich eine ganze Reihe neuer Möglichkeiten: Kombinationen mit Immuntherapien, Strategien gegen Resistenzentwicklungen oder neue Wirkstoffklassen. Vor wenigen Jahren waren viele dieser Ansätze beim Bauchspeicheldrüsenkrebs kaum vorstellbar. Für mich ist das die wichtigste Botschaft: Diese Studie verbessert nicht nur die Aussichten heutiger Patientinnen und Patienten. Sie eröffnet zugleich eine völlig neue Ära der Forschung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs.

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