Behandlungsmethoden im Vergleich: Was hilft besser?
Speiseröhrenkrebs ist eine der am stärksten zunehmenden Tumorarten in der westlichen Welt. Das Adenokarzinom der Speiseröhre tritt in Deutschland heute siebenmal häufiger auf als vor 30 Jahren. Prof. Dr. Jens Höppner sucht nach der besten Behandlung.
Der 57-jährige Lehrer Michael K. (Name geändert) bemerkt Schmerzen beim Schlucken, anhaltendes Sodbrennen und nimmt an Gewicht ab. Zunächst vermutet er Verdauungsprobleme. Als die Symptome schlimmer werden, lässt er sich am Klinikum Lippe untersuchen. Die Diagnose: Speiseröhrenkrebs. Der Krebs hat noch nicht metastasiert, ist aber lokal fortgeschritten. Bei der Suche nach der passenden Behandlung hat er einen Speiseröhrenkrebs-Experten an seiner Seite: Prof. Dr. Jens Höppner. Der Leiter der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum OWL, zu der auch das Klinikum Lippe gehört, erklärt: „Solange der Krebs noch nicht gestreut hat, lässt er sich grundsätzlich durch eine Operation heilen.“ Höppner forscht mit seinem Team daran, welche zusätzliche Therapien die Heilungschancen verbessern.
Welche Zusatztherapie ist die beste?
Die Heilungschance bei Speiseröhrenkrebs hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verbessert. Das liegt daran, dass die Operation, die früher die einzige Behandlungsform war, jetzt standardmäßig durch Chemo- und Strahlentherapie vor oder nach der Operation ergänzt wird. Welche Variante am besten hilft, war bislang unklar. Das hat Prof. Höppner nun mit der Studie ESOPEC an Patientinnen und Patienten mit einem sogenannten Adenokarzinom überprüft – sie machen bei Frauen 34 Prozent und bei Männern etwa die Hälfte der Speiseröhrenkrebsfälle aus.
Zwei verschiedene Vorgehensweisen auf dem Prüfstand
Innerhalb von vier Jahren wurden 438 Patientinnen und Patienten mit einem lokal fortgeschrittenem Adenokarzinom aufgenommen. Diese Form von Speiseröhrenkrebs entsteht am Übergang zum Magen und wird vor allem durch aufsteigende Magensäure ausgelöst, die dauerhaft die Speiseröhre reizt.
Die Studie verglich folgende Therapieansätze:
1. Chemotherapie mit vier Medikamenten vor und nach der Operation (FLOT-Protokoll).
2. Kombinierte Strahlen- und Chemotherapie vor der Operation (CROSS-Protokoll).
Jeweils drei und fünf Jahre nach Beginn der Behandlung ermittelten die Forschenden, wie es den Probandinnen und Probanden ergangen war.
Die Ergebnisse im Detail:
• Die 3-Jahres-Überlebensrate lag im FLOT-Protokoll bei 57,4 Prozent. Das bedeutet, dass von den so Behandelten drei Jahre nach Behandlungsbeginn umgerechnet noch 57 von 100 Personen lebten. Im CROSS-Protokoll lag die 3-Jahres-Überlebensrate bei 50,7 Prozent – hier lebten also nach drei Jahren noch 50 von 100 Personen.
• Die 5-Jahres-Überlebensrate zeigte den Vorteil des FLOT-Regimes noch deutlicher: Hier betrug sie 50,6%, während das CROSS-Regime 38,7% aufwies. Umgerechnet waren also nach fünf Jahren noch 50 von 100 Behandelten in FLOT am Leben gegenüber 39 von 100 in CROSS.
Klappbox Ende
Praxisverändernde Ergebnisse
Die Auswertung zeigt, dass die Patientinnen und Patienten, die vor und nach der Operation eine Chemotherapie erhalten hatten (FLOT), die bessere Langzeitüberlebensrate aufwiesen. „Die perioperative Chemotherapie verbessert nach diesen Daten die Überlebenschancen bei Speiseröhrenkrebs erheblich“, sagt Höppner, der die Studien-Ergebnisse kürzlich auch auf einer internationalen Onkologie-Konferenz präsentierte. Die europäischen ESMO-Leitlinien erhielten nach Veröffentlichung der Studienergebnisse ein entsprechendes Update.
Einer der Menschen, denen bereits durch diese Forschung geholfen wurde, ist Michael K. Der krebserkrankte Lehrer hatte nach ausführlicher Aufklärung und Beratung an der Studie teilgenommen und war dem FLOT-Protokoll zugewiesen. Heute ist er krebsfrei. Er sagt: „Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, von dieser Methode zu profitieren.“
Zukunftsperspektiven: Behandlung ohne Operation?
Für Höppner und sein Team besonders erfreulich: Bei 17 Prozent der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer waren nach der Chemotherapie keine Tumorzellen mehr nachweisbar. Das wirft die Frage auf, ob diese Fälle womöglich keine OP mehr benötigen. Im Rahmen der BMBF-Initiative Nationale Dekade gegen Krebs prüft Prof. Höppner derzeit in der praxisverändernden Studie ESORES, ob bei Erkrankten, deren Tumor sich nach einer Vorbehandlung mit einer (Radio-)Chemotherapie zurückgebildet hat, eine Operation verzichtbar ist. Die Ergebnisse stehen noch aus.