Studie ermittelt optimale Dauer der rückfallvorbeugenden Therapie

Im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs werden erstmals praxisverändernde Studien gefördert. In die Konzeptphase tritt auch ein Vorhaben ein, das prüfen will, wie die optimale Dauer der Rückfallprophylaxe bei Menschen mit Knochenmarkkrebs ist.

Das Multiple Myelom ist eine bösartige Erkrankung des Knochenmarks mit hohem Rückfallrisiko. Betroffene bekommen daher nach der intensiven Standardtherapie (Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender autologer* Blutstammzelltransplantation) eine Erhaltungstherapie, um das Wiederauftreten des Krebses zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Der einzige zugelassene Wirkstoff dafür ist derzeit Lenalidomid (LEN), das unter anderem die Bildung von Blutgefäßen verhindert, die den Tumor versorgen.

Lenalidomid Strukturformel

Der einzige zugelassene Wirkstoff für die Rückfallprophylaxe beim Multiplen Myelom ist derzeit Lenalidomid, das mit starken Nebenwirkungen einhergeht.

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Die Einnahme von LEN geht mit starker Müdigkeit, erhöhter Infektionsanfälligkeit und größerem Risiko für Thrombosen, Lungenembolie, Magen-Darm-Beschwerden sowie Muskelschmerzen einher. All das beeinträchtigt die Lebensqualität Betroffener stark. Auch entwickeln Patientinnen und Patienten unter der Einnahme von LEN häufiger eine weitere Krebserkrankung (Zweitmalignom). Und nicht zuletzt erfordert die Einnahme regelmäßige Arztbesuche und Bluttests. Dennoch überwiegen nach Einschätzung der Experten am Ende deutlich die Vorteile durch LEN. Bislang wird die LEN-Therapie in Deutschland bis zum Krankheitsrückfall durchgeführt, das heißt über viele Jahre. Es stellt sich jedoch die Frage, wie lange die Einnahme dauern sollte, um einerseits die Wiederkehr des Myeloms zu verhindern, andererseits die Patienten aber nicht unverhältnismäßig zu belasten.

Ob eine längere Erhaltungstherapie deutlich mehr Vorteile bringt, ist bislang unklar

Das Vorhaben OptiMAIN (Randomisierte Studie zur Ermittlung der optimalen Dauer der Lenalidomid Erhaltungstherapie nach autologer* Stammzelltransplantation beim Multiplen Myelom) unter Leitung von Dr. Leo Rasche vom Universitätsklinikum Würzburg, will nun ermitteln, ob eine zeitlich begrenzte Erhaltungstherapie mit LEN von einem Jahr gegenüber einer dauerhaften Gabe entscheidende Nachteile für den Therapieerfolg hat. Eine aktuelle Studie zeigt nach einer nur einjährigen Erhaltungstherapie mit LEN eine beeindruckende progressionsfreie Überlebenszeit (die Zeit, bis der Krebs erneut anfängt zu wachsen) von 50 Monaten (Medianwert).

Waage

Kann eine längere Medikamenteneinnahme die Zeit bis zum Rückfall deutlich hinauszögern? Und geben Patientinnen und Patienten trotz der starken Nebenwirkungen der gewonnenen Zeit ohne Krankheitsfortschritt den Vorzug oder ist ihnen eine bessere Lebensqualität wichtiger? Hier ist eine Abwägung ohne entsprechende Datengrundlage schwer – diese erhebt nun OptiMAIN.

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Ob eine längere Einnahme das progressionsfreie Überleben tatsächlich noch verbessern kann, ist bislang unklar. Möglicherweise ist der weitere Zugewinn nicht mehr allzu groß, so dass Betroffene die starken Nebenwirkungen dafür nicht mehr in Kauf nehmen würden. Die Lebensqualität ist, wie man aus Befragungen von Betroffenen weiß, ein bedeutender Faktor bei der Therapieentscheidung. Zusätzlich würde bei einer verkürzten Einnahmedauer das Gesundheitssystem finanziell erheblich entlastet werden, da die Kosten für die LEN-Therapie 100.000 Euro pro Jahr betragen.

OptiMAIN ist Teil der Fördermaßnahme „Praxisverändernde klinische Studien zur Prävention, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen“, mit der das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs Vergleichs- und Optimierungsstudien mit hohem Potenzial zur Verbesserung der Praxis in der Prävention, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen fördert.

In der Dekade besonders wichtig: Einbezug der Patientensicht

In der nun beginnenden Konzeptentwicklungsphase der OptiMAIN wird zunächst erhoben, was den Patientinnen und Patienten selbst am wichtigsten ist: eine statistisch geringere Rückfallwahrscheinlichkeit um jeden Preis oder eine höhere Lebensqualität. Dafür ist eine online-basierte Patientenbefragung geplant. Nach der jetzt geförderten Konzeptionsphase, die im April 2020 gestartet ist, wird in einer zweiten Begutachtungsrunde über eine Förderung der auf das Konzept aufbauenden klinischen Studie entschieden.

Studie hilft, geringere Rückfallwahrscheinlichkeit gegen höhere Lebensqualität abzuwägen

In der klinischen Studie, an der außer dem Uniklinikum Würzburg ein deutschlandweites Netzwerk medizinischer Einrichtungen beteiligt sein wird, soll kontinuierlich die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten in Zusammenhang mit der jeweiligen Therapie erfasst werden. Zudem soll geklärt werden, welche Patientengruppen wie stark von der Erhaltungstherapie mit LEN profitieren. Hier könnte es beispielsweise einen Unterschied bei Betroffenen geben, die besonders gut oder nur suboptimal auf die Primärbehandlung angesprochen haben. Dafür wird zu zwei Zeitpunkten in der Studie die „minimale Resterkrankung“ (Minimal Residual Disease, kurz: MRD) mit hochsensitiven Methoden sowie zusätzlich funktioneller Bildgebung gemessen. MRD bezeichnet eine winzige Menge an Krebszellen, die nach einer Behandlung noch im Körper verbleiben, nachwachsen und damit einen Rückfall auslösen können. Die Forschenden wollen diese Informationen nutzen, um das individuelle Ansprechen auf die LEN-Therapie einzuschätzen und insbesondere prüfen, ob sich diese nach einem Jahr ohne Nachweis von MRD gefahrlos aussetzen lässt.

Ziel der Studie ist es somit, erstmals die optimale Dauer der Erhaltungstherapie in Verbindung mit MRD und Lebensqualität unter Einbezug der Therapiekosten zu bestimmen.

* „autolog“ bedeutet, dass dem Patienten vor der hochdosierten Chemotherapie Stammzellen entnommen und danach wiedergegeben werden.