Psychoonkologische Forschung

Dank enormer Forschungsfortschritte leben immer mehr Menschen mit und nach einer Krebserkrankung. Die Psychoonkologie unterstützt Betroffene, mit den vielfältigen Belastungen zurecht zu kommen – die Forschung dazu soll weiter ausgebaut werden.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass mindestens die Hälfte der an Krebs Erkrankten eine hohe psychische Belastung aufweist. Bei einem Drittel der Patientinnen und Patienten treten in der Folge der Krebserkrankung manifeste psychische Störungen auf.

Mutter spricht mit ihrem Kind

Krebspatientinnen und -patienten sind großen psychischen Belastungen ausgesetzt. Sind die Betroffenen Eltern, sorgen sie sich oft besonders, wie ihre Kinder mit der Mitteilung der Diagnose und den Folgen der Erkrankung zurecht kommen. (Symbolbild)

Adobe/motortion

Sowohl die Angstwerte als auch die Wahrscheinlichkeit für Depressionen (leichte wie schwere Episoden) oder eine Anpassungsstörung (eine emotionale und soziale Beeinträchtigung in Reaktion auf die Krebserkrankung) sind in der Gruppe der Krebserkrankten höher als in gesunden Vergleichsgruppen. Angst spielt in jeder Phase der Erkrankung eine große Rolle. Selbst bei so genannten „Cancer Survivors“ (Menschen, die geheilt oder chronisch krebskrank sind) beherrscht – je nach Prognose - oft die Angst vor der Rückkehr oder dem Fortschreiten der Erkrankung den Alltag. Eine große Rolle spielt für Betroffene immer auch die Frage, wie Angehörige, insbesondere Kinder, die Erkrankung und ihre Folgen aufnehmen.

Häufige auftretende Belastungen bei Krebs:

• Fatigue, ein quälendes Erschöpfungssyndrom, das oft während und nach der Krebsbehandlung auftritt: Betroffene erleben, dass sie Alltägliches nur noch mit größter Anstrengung verrichten und nicht mehr am sozialen Leben teilhaben können. Fatigue ist zudem häufig mit emotionalen Veränderungen wie Lustlosigkeit und Niedergeschlagenheit verbunden.

• Schlafstörungen: Der wenig erholsame Schlaf senkt das Wohlbefinden und führt zu einer verminderten körperlichen Aktivität tagsüber, die als wichtiger Faktor zur Linderung einer Fatigue und für die Verbesserung des Gesamtbefindens gilt.

• Verlust der sozialen Rolle: Wer früher die Familie gemanagt hat, Versorger oder Tröster war, ist plötzlich selbst hilfsbedürftig.

• Verlust der Arbeitsfähigkeit und evtl. des Arbeitsplatzes: Kann das Selbstbild infrage stellen und ist verbunden mit finanziellen Sorgen.

• Probleme in der Sexualität: Durch ein verändertes Körperbild oder Einschränkungen (z.B. nach Amputationen, Legen eines künstlichen Darmausgangs, therapiebedingte Impotenz).

• Weitere körperliche Folgen einer Therapie: z.B. Schädigung von inneren Organen oder Knochen, Funktionseinschränkungen und Schmerzsyndrome; möglicherweise Unfruchtbarkeit; zudem kann es zu Migräne und Krämpfen sowie zu kognitiven Einschränkungen („Chemobrain“) kommen. All das wirft das eigene Leben und ggf. Zukunftspläne um.

Hinzu kommen weitere Auswirkungen der Erkrankung und ihrer Therapie, die die Psyche und sozialen Beziehungen von Betroffenen teils schwer belastet.

Psychoonkologische Therapie

Jedem an Krebs Erkrankten steht eine bedarfsabhängige psychoonkologische Versorgung zu. Auch Angehörige können psychoonkologische Hilfe in Anspruch nehmen. Zu den psychoonkologischen Angeboten gehört zunächst einmal die Beratung und Psychoedukation (Schulung) von Betroffenen, um sie über die Krankheit und den Umgang damit zu informieren. Darauf können, je nach Bedarf, weitere Interventionen folgen. Zu diesen zählen Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Psychotherapeutische Behandlung (vor allem spezifische Therapien in Hinsicht auf die Belastung durch den Krebs, z.B. gegen auftretende Ängste oder Depressionen) und Künstlerische Therapien (Musik-, Kunst-, Tanztherapie). Ergänzende Verfahren sind die Behandlung mit Psychopharmaka, die Ergotherapie sowie die Physio- und Bewegungstherapie.

Weiterer Forschungsbedarf

Es liegt bereits eine Vielzahl von wissenschaftlichen Belegen für Entscheidungen über eine derzeit bestmögliche Behandlung und Versorgung für den einzelnen Patienten vor (Evidenzbasierte Medizin). Aus einer Reihe von Studien weiß man auch, dass sich zwar etwa 30 Prozent aller Krebspatientinnen und -patienten eine psychoonkologische Versorgung wünschen, dies aber selten von sich aus äußern. Auch die dahin gehende Einschätzung von Ärzten weicht Erhebungen zufolge häufig von der Selbsteinschätzung der Betroffenen ab.

In der Leitlinie Psychoonkologie bei erwachsenen Krebspatienten, die unter Federführung der Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO) des Dekadenpartners Deutsche Krebsgesellschaft entstanden ist, wird daher eine möglichst frühzeitige vorsorgliche Untersuchung (Screening) auf erhöhte psychosoziale Belastung bei allen Krebspatientinnen und -patienten empfohlen. Diese Leitlinie, die auf der höchsten Qualitätsstufe der Entwicklungsmethodik (S3-Leitlinie), also mithilfe systematischer Recherche, Sichtung und Bewertung der vorliegenden „Evidenz“ von Experten erstellt wurde, weist jedoch darauf hin, dass empirische Belege dazu (d.h. belastbare Daten aus der Forschung), bislang noch ausstehen.

Ärztin spricht mit Patientin

Ärztin spricht mit einer Patientin

Adobe Stock/romankosolapov

Bei der Frage, welche Testinstrumente sich für ein solches Screening am besten eignen, nennen zwar die Experten der PSO in einer Empfehlung für die psychoonkologische Behandlungspraxis fünf spezifische Verfahren (kurze Fragebögen, die der Patient selbst ausfüllt oder Erfassungsbögen für das Arzt-Interview), auf die sie sich im Konsens einigen. Doch die Verfasser weisen explizit darauf hin, dass es noch eine Vielzahl von weiteren Verfahren gibt, die prinzipiell auch in Frage kommen. Hier besteht also ebenfalls noch Bedarf an weiterer Validierung und Forschung.

Des Weiteren braucht es psychoonkologische Versorgungsforschung, bei der Forschende zum Beispiel erheben, ob jede und jeder Krebskranke in Deutschland zeitnah die psychoonkologische Versorgung bekommt, die sie oder er braucht oder wie hoch die Kapazitäten jeweils im stationären und ambulanten Sektor sein müssen; dieses Verhältnis kann sich aufgrund von Entwicklungen im Gesundheitssystem immer wieder verschieben. Auf Grundlage der Ergebnisse können dann entsprechende Optimierungsempfehlungen erarbeitet werden.

Dazu kommt die stetige, systematische Überprüfung und Verbesserung von psychoonkologischen Therapieangeboten: Welche Unterstützungsangebote sollten wann bei wem eingesetzt werden? Möglicherweise machen neu aufkommende Therapien andere Formen von Unterstützung notwendig. Auch könnte sich die beste Vorgehensweise bei älteren oder jüngeren Betroffenen unterscheiden. Auch ist darüber nachzudenken, ob mehr digitale Möglichkeiten geschaffen werden sollten, deren Wirksamkeit und Effektivität dann nachgewiesen werden muss. Und nicht zuletzt müssen etablierte Konzepte weiter validiert, d.h. geprüft werden, wie wirksam sie (auch im Vergleich zu neuen Methoden) sind und welche Nachteile sie vielleicht haben.

Um bestehende Interventionen für krebskranke Menschen zu verbessern, fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) daher im Rahmen der Dekade gegen Krebs praxisverändernde Studien mit bis zu 62 Millionen Euro, darunter speziell auch solche mit psychoonkologischen Aspekten.
 

Auch die Partner der Nationalen Dekade gegen Krebs fördern psychoonkologische Forschung oder führen entsprechende Projekte durch: