Praxisverändernde Studien für eine bessere Patientenversorgung

Im Rahmen der Dekade gegen Krebs fördert das BMBF praxisverändernde Studien zur Prävention, Diagnose und Therapie von Krebs mit bis zu 62 Millionen Euro. Unter Einbezug von Patientenvertretern starten nun 13 ausgewählte Projekte in die Planungsphase.

Alle Akteure der Nationalen Dekade gegen Krebs arbeiten gemeinsam daran, Neuerkrankungen vorzubeugen und die Lebensqualität sowie Heilungschancen von Krebskranken weiter zu erhöhen. Einen wertvollen Beitrag hierzu leisten klinische Studien, die die gängige Versorgungspraxis überprüfen. Mithilfe der Erkenntnisse können bestehende Therapien verbessert und Nebenwirkungen sowie unnötige Behandlungen vermieden werden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat bereits zu Beginn der Nationalen Dekade gegen Krebs eine entsprechende Förderbekanntmachung für so genannte Vergleichs- und Optimierungsstudien mit hohem Potenzial zur Verbesserung der Praxis veröffentlicht und bis zu 62 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Dabei umfasst die Förderung nicht nur die Durchführung der Studien, sondern auch deren Vorbereitung. Nun wurden 13 Projekte für die Vorphase ausgewählt. Diese werden in der nächsten Zeit in die geförderte Konzeptionsphase starten, bevor in einer zweiten Begutachtungsrunde über eine weitere Förderung entschieden wird.

Patient spricht mit Ärztin

Patientenbeteiligung ist ein wichtiges Ziel der Dekade gegen Krebs. Auch bei der Förderung wird ein besonderer Schwerpunkt auf den Einbezug von Betroffenen gelegt.

 PT DLR/BMBF

Die Patientenbeteiligung in der Forschung ist ein wichtiges Ziel der Dekade gegen Krebs. Im internationalen Gutachtergremium zur Auswahl der Projekte saßen daher neben Expertinnen und Experten aus den Bereichen Klinik und Biostatistik erstmals Patientenvertreterinnen und Patientenvertreter. Auch die Planung der Studien sowie deren Umsetzung – so die Maßgabe – ist unter Einbezug von Patientinnen und Patienten zu realisieren. Das stellt sicher, dass sich die Wissenschaft auch an den Bedürfnissen der Betroffenen und deren Angehörigen orientiert.

Die ausgewählten Projekte decken die Bereiche Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge sowie verschiedene Behandlungsmethoden ab. Es werden verschiedene Interventionen aus den klassischen Bereichen Operation, Radio- und Chemotherapie, aber auch Psychoonkologie und Sport untersucht. Neben Projekten, die die sehr häufig auftretenden Krebserkrankungen der Brust, der Prostata oder des Darms adressieren, wurden ebenfalls Projekte ausgewählt, die sich mit Tumoren der Haut, der Niere oder der Speiseröhre beschäftigen.

Informationen zu den geförderten Projekten

ABREMAS – Abbreviated breast MRI for risk-adjusted screening: A Prospective Randomized Controlled Clinical Trial

Die Studie zur optimierten Früherkennung von Brustkrebs adressiert Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren mit dichtem Brustgewebe. Sie vergleicht eine modifizierte Magnetresonanz-Untersuchung der Brust mit dem diagnostischen Standardverfahren (digitale Mammographie).

Projektleiterin: Prof. Dr. Christiane Kuhl, Universitätsklinikum Aachen

COPS – Comparison of psycho-oncological and physical exercise interventions for health-related quality of life in cancer: a randomized non-inferiority trial

Die Therapievergleichsstudie adressiert grundsätzlich alle Krebspatientinnen und -patienten. Die Studie prüft, ob im Hinblick auf die Verbesserung der Lebensqualität eine Bewegungstherapie mindestens so gut wirkt wie eine psychoonkologische Behandlung.

Projektleiter: Prof. Dr. Hans-Christoph Friederich, Universitätsklinikum Heidelberg

DISCO – A phase III study comparing FDG-PET-CT-guided discontinuation and continuation in first line checkpoint inhibitor therapy in patients with advanced or metastatic malignant melanoma or renal cell carcinoma

Die Studie richtet sich an Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem Haut- oder Nierenkrebs. Sie untersucht, ob bei Patientinnen und Patienten, die nach erfolgter medikamentöser Therapie einen inaktiven Tumorstoffwechsel aufweisen, ein Absetzen der Medikation einen negativen Einfluss auf das Tumorwachstum hat. Die Ergebnisse werden mit Resultaten einer andauernden medikamentösen Behandlung (gegenwärtiger Standard) verglichen.

Projektleiter: Prof. Dr. Viktor Grünwald, Universitätsklinikum Essen

ESORES – Surveillance and surgery on demand versus surgery on principle in patients with postneoadjuvant complete tumor response of esophageal cancer

Die Studie adressiert Patientinnen und Patienten mit Speiseröhrenkrebs. Bei Erkrankten, deren Tumoren auf eine (Radio-)Chemotherapie ansprechen, wird untersucht, ob ohne Nachteil für die Betroffenen auf eine Operation verzichtet werden kann. Dies wird verglichen mit der derzeitigen Standardtherapie, welche in jedem Fall sowohl (Radio-)Chemotherapie als auch einen darauf folgenden operativen Eingriff umfasst.

Projektleiter: Prof. Dr. Jens Höppner, Universitätsklinikum Freiburg

HypoFocal – Image-guided focal dose escalation in patients with primary prostate cancer treated with primary external beam hypofractionated radiation therapy: a prospective, multicenter randomized phase III study

Die Studie richtet sich an Prostatakrebs-Patienten. Verglichen wird eine individuell angepasste Strahlentherapie (Bestrahlung der intraprostatischen Tumormasse) mit einer homogenen Strahlentherapie (komplette Prostatadrüse, Standardbehandlung).

Projektleiterin: Prof. Dr. Anca-Ligia Grosu, Universitätsklinikum Freiburg

INTACT – Investigating and optimizing the treatment against cancer-related fatigue: A multicenter randomized clinical trial comparing physical exercise, mind-body exercise, and psychosocial interventions during treatment of breast cancer, lungcancer, or lymphoma

Die Studie zielt auf eine optimierte Behandlung bei krebsbedingter Erschöpfung (Fatigue) und richtet sich damit grundsätzlich an alle Krebspatientinnen und -patienten. Nicht-pharmakologische Therapieansätze wie Sport, Mind-Body Exercise bzw. Yoga und psychosoziale Behandlungsformen werden auf ihre Effektivität systematisch miteinander verglichen sowie auf ihre Abhängigkeit von Geschlecht, Krebstherapie und Fatigue-Erscheinungsform überprüft.

Projektleiterin: Prof. Dr. Karen Steindorf, Deutsches Krebsforschungszentrum

NETZ – Endoscopic telemedicine service for improving colorectal cancer prevention

Die Studie adressiert die Früherkennung von Dickdarmkrebs. Sie prüft, ob ein alternatives Vorsorgeangebot (Dickdarm-Kapsel-Untersuchung beim Hausarzt) im Vergleich zur Standardvorsorgeuntersuchung (Darmspiegelung durch den Facharzt) die Inanspruchnahme der Darmkrebsvorsorgeuntersuchung erhöhen kann.

Projektleiter: Prof. Dr. Jörg Albert, Robert Bosch Centrum für Tumorerkrankungen

OptiMAIN – A randomized study to determine the optimal duration of lenalidomide maintenance therapy in newly diagnosed multiple myeloma patients after autologous stem cell transplantation

Die Studie adressiert Patientinnen und Patienten mit multiplem Myelom (Tumoren im Knochenmark). Das einzig zugelassene Medikament zur Erhaltungstherapie nach einer Stammzelltransplantation ist derzeit der Wirkstoff Lenalidomid. Die Studie vergleicht eine zeitlich begrenzte Erhaltungstherapie von einem Jahr mit der einer dauerhaften Lenalidomid-Gabe.

Projektleiter: Dr. Leo Rasche, Universitätsklinikum Würzburg

PORTOFINO – Preoperative radiochemotherapy of locally advanced low rectal cancer patients with individualized surgery according to clinical response

Die Studie richtet sich an Patientinnen und Patienten mit Enddarmkrebs. Dabei wird eine individualisierte Therapie (kombinierte Strahlen- und Chemotherapie sowie minimale operative Behandlung bzw. Verzicht auf Operation) mit der Standardbehandlung (radikalchirurgische Radiochemotherapie) verglichen.

Projektleiterin: Prof. Dr. Mechthild Krause, Universitätsklinikum Dresden

PRIMA – A randomized prospective multicenter comparative accuracy study for primary diagnosis of clinically significant prostate cancer with combination of PSA/DRE and multiparametric magnetic resonance imaging

Die Studie adressiert Prostatakrebs-Patienten. Sie vergleicht ein alternatives Verfahren zur Diagnose von Prostatakrebs (Kombination von Prostata-spezifischem Antigen und/oder digitorektalem Untersuchungsergebnis sowie Bildgebung mittels Magnetresonanztomographie) mit der klassischen Diagnosemethode (MRT-fusionierte Biopsien der Prostata in Kombination mit systematischen Biopsien).

Projektleiter: Dr. Rouvier Al-Monajjed, Universitätsklinikum Düsseldorf

PRIMACNS – Age-adjusted high-dose chemotherapy followed by autologous stem cell transplantation or conventional chemotherapy with R-MP as first-line treatment in elderly CNS lymphoma patients – a randomized phase III trial

Die Studie richtet sich an Patientinnen und Patienten, die älter sind als 65 Jahre und einen aggressiven Hirntumor aufweisen (primäres ZNS-Lymphom). Sie vergleicht eine alternative Behandlung (intensivierte Chemotherapie gefolgt von Hochdosis-Chemotherapie und Stammzelltransplantation) mit einer Standardbehandlung (konventionelle Chemotherapie gefolgt von Erhaltungstherapie).

Projektleiterin: Dr. Elisabeth Schorb, Universitätsklinikum Freiburg

SELREC – Selective neoadjuvant therapy of rectal cancer patients: a randomized controlled, open, multicentre non-inferiority trial

Die Studie prüft, ob bei Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem Enddarmkrebs, aber absehbar günstigem Risikoprofil auf eine zusätzliche Therapie verzichtet werden kann. Verglichen wird eine ausschließlich operative Behandlung mit einer (Standard-)Behandlung durch kombinierte Radiochemotherapie sowie zusätzlicher Operation.

Projektleiter: Dr. Felix Hüttner, Universitätsklinikum Heidelberg

SURVIVE – A prospective randomized trial to compare standard follow up surveillance to tumor marker and CTC guided follow up surveillance in early breast cancer survivors

Die Studie richtet sich an Brustkrebspatientinnen mit mittlerem bis hohem Risiko für Rückfälle und Fernmetastasen. In der Studie wird eine intensivierte Nachsorge (frühzeitige molekulare Fernmetastasen-Diagnostik) mit einer symptomorientierten Standard-Nachsorge systematisch verglichen.

Projektleiterin: Dr. Sophia Huesmann, Universitätsklinikum Ulm

Was bringen Vergleichs- und Optimierungsstudien den Betroffenen?
Mit diesen Studien lassen sich etablierte Strategien miteinander vergleichen und ihr Nutzen für die Patientinnen und Patienten bewerten. So können die erfolgreichsten Konzepte identifiziert und Optimierungsbedarf im Versorgungsalltag aufgedeckt werden. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Weiterentwicklung von Empfehlungen und Leitlinien für die Praxis entscheidend mit ein.

Ärztinnen und Ärzten können auf dieser Grundlage in ihrer täglichen Praxis – gemeinsam mit ihrer Patientin oder ihrem Patienten – die individuell beste Therapie auswählen.


Vergleichs- und Optimierungsstudien sind häufig sehr aufwendig und teuer, da sie eine große Zahl von Patientinnen und Patienten, lange Zeiträume und oftmals eine größere Zahl teilnehmender Kliniken erfordern. Mit der Projektförderung ermöglicht das Ministerium erstmals die systematische und gezielte Förderung solch großer und aufwändiger Vergleichsstudien. Von den Erkenntnissen können sehr große Patientengruppen profitieren und teilweise gleichzeitig Behandlungskosten gesenkt werden.