Personalisierte Therapie für krebskranke Kinder und Jugendliche

Ein neues Register schafft die Infrastruktur für personalisierte Krebstherapien für Kinder und Jugendliche mit Rückfall und eröffnet ihnen bei resistent gewordenem Tumor eine zweite Therapiechance. Nun soll es in die Regelversorgung überführt werden.

Krebs im Kindes- und Jugendalter ist dank der Fortschritte in der Krebsforschung viel besser heilbar als noch vor einigen Jahrzehnten. Mehr als 75 Prozent aller jungen Patientinnen und Patienten in Deutschland überleben heute. Doch bei 20-25% der Fälle kehrt die Krankheit trotz aller therapeutischen Bemühungen wieder zurück (rezidiviert). Meist lässt sich der Krebs dann mit den Standard-Therapien nicht mehr zurückdrängen – er ist resistent geworden. Hier setzt das Forschungsprojekt INFORM (INdividualized Therapy FOr Relapsed Malignancies in Childhood) des Hopp-Kindertumorzentrums Heidelberg (KiTZ) an, das neue Behandlungsmöglichkeiten für betroffene Kinder erschließen und ihre Überlebenschancen damit erhöhen will.

Mädchen mit Leukämie im Gespräch mit Arzt

GettyImages/FatCamera

Die INFORM-Registerstudie wurde nach einer initialen Förderung u.a. durch die Deutsche Krebshilfe und unter Federführung des Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) 2015 gestartet. Für die Studie schicken Kinderonkologen in der Routinebiopsie gewonnene Gewebeproben von krebskranken Kindern ein. Diese aus 60 deutschen und 10 beteiligten europäischen Zentren stammenden Tumorproben werden in der europaweit größten Einheit für Genom- und Proteinanalysen des DKFZ molekularbiologisch mithilfe hochmoderner Sequenzierungstechnologien analysiert. Das Vorgehen ermöglicht eine präzise molekulare Charakterisierung des individuellen Tumors („molekularer Fingerabdruck“) sowie eine individuelle Medikamententestung an den frisch gewonnenen Tumorzellen des einzelnen Erkrankten.

DKFZ Sequenzer Serviceeinheit Proteom- und Genomsequenzierungen

Die Sequenzer Serviceeinheit Proteom- und Genomsequenzierungen am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg

DKFZ/Tobias Schwerdt

Die gewonnenen Daten werden in einer zentralen Datenbank (dem „Register“ der Studie) gespeichert. Mit einem eigens entwickelten Algorithmus werden die gefundenen Eigenschaften der Tumorzellen auf klinische Relevanz untersucht, d.h. ermittelt ob es beim jeweiligen Tumor molekulare Angriffsziele (nach dem englischen Wort für Ziel „Targets“ genannt) gibt, an denen man mit einem bereits existierenden Arzneistoff zielgerichtet ansetzen und das Tumorwachstum punktgenau hemmen kann. Die Ergebnisse werden von einem interdisziplinären Team unter Einbeziehung der behandelnden Ärztinnen und Ärzte in einer wöchentlichen Videokonferenz (Tumorboard) besprochen.

Pro Tumoranalyse fallen Kosten im vierstelligen Bereich an. Die Ergebnisse werden den behandelnden Kinderonkologinnen und Kinderonkologen kostenfrei zur Verfügung gestellt. In vielen Fällen findet sich ein neuer molekularer Angriffspunkt und eröffnet damit etwa der Hälfte der Kinder und Jugendlichen die Chance auf eine personalisierte Therapie - meist durch Einschluss in eine klinische Studie oder sogenannten Heilversuchen mit „Off-Label-Use“, das heißt mit Wirkstoffen, die für Kinder und Jugendliche mit diesen Tumorerkrankungen nicht zugelassen sind. Bei etwa 10% aller Erkrankten führt die molekular informierte Therapie zu einer signifikanten Verbesserung des Überlebens der Patientinnen und Patienten. In einigen Fällen konnte zudem auf Basis der Genomanalyse die genaue Tumorform oder eine zugrundeliegende familiäre Disposition festgestellt und die Familien über die Möglichkeit einer humangenetischen Beratung informiert werden.

International Cancer Genome Consortium

INFORM knüpft an die Erkenntnisse und Erfolge des „International Cancer Genome Consortium (ICGC)“ an, das die zugrundeliegenden genetischen Veränderungen von Tumoren untersucht, um Krebs wirkungsvoll bekämpfen zu können. Das Projekt hat an der bislang vollständigsten Landkarte des Krebserbguts entscheidend mitgewirkt. Diese zeigt auch neue Therapiemöglichkeiten für krebskranke Kinder.


Das BMBF und der Dekadenpartner Deutsche Krebshilfe haben Projekte im Rahmen des International Cancer Genome Consortium (ICGC) bereits mit über 30 Millionen Euro gefördert.
 

Ein Folgeprojekt „Pan-Cancer Analysis of the Whole Genomes“ (PCAWG) startete 2014, um genetische Veränderungen und Muster von Veränderungen zu identifizieren, die bei mehreren Krebsarten auftreten. Die Internationale Initiative veröffentlichte nun wichtige Erkenntnisse zur Krebsentstehung (Newsletter Gesundheitsforschung des BMBF).
 

Forschende können wiederum durch bioinformatische Auswertung der Daten aus der INFORM-Studie neue Erkenntnisse gewinnen, beispielsweise darüber, was resistent gewordene Tumoren nach sehr intensiver Erstlinientherapie kennzeichnet und damit neues Wissen für die Krebsbehandlung generieren. Die beteiligten Zentren dokumentieren zudem den individuellen Krankheitsverlauf in einer Internet-basierten Studiendatenbank und sichern somit Informationen darüber, ob und welche Behandlung durchgeführt wurde und wie diese bei den Patientinnen und Patienten angeschlagen hat.

Auch die Verknüpfung dieser Versorgungsdaten mit den Daten aus der Studie generiert neues Wissen; so lassen sich auf dieser Basis weitere klinische Studien planen und umsetzen, die die Entwicklung neuer Biomarker und Medikamente im Bereich der translationalen Onkologie im Kindes- und Jugendalter zum Ziel haben.

Die INFORM-Studie ist ein lernendes System, welches ständig weiterentwickelt werden muss. Durch die Erweiterung um Technologien wie Proteomics- Analysen, Liquid Biopsy und Medikamententestungen soll die Vorhersagekraft weiter verbessert werden.

Die INFORM-Ergebnisse führten bereits zum Start mehrerer klinischer Studien und zur Erprobung neuer Biomarker für Krebs bei Kindern. Der INFORM-Ansatz wurde zudem kürzlich von der American Society of Clinical Oncology (ASCO) mit dem James B. Nachman-Preis für pädiatrische Onkologie ausgezeichnet.

Im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nun eine Transition der Forschungsergebnisse in die Krankenversorgung, damit möglichst vielen an Krebs erkrankten Kindern geholfen werden kann. Das INFORM-Register soll zu einer von den Krankenkassen unterstützten Standard-Diagnostikplattform ausgebaut werden und zukünftig mindestens 400 Analysen im Jahr durchführen.

In der kommenden Förderperiode sollen die notwendigen wissenschaftlichen und rechtlichen Infrastrukturen für eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen bis Ende 2021 geschaffen werden. Zudem sichert die Finanzierung den weiteren Betrieb des INFORM-Programmes während dieser Übergangszeit.

WEITERE INFORMATIONEN

Wie individuelle, genetische Tumormerkmale in der personalisierten Krebsmedizin genutzt werden können, untersucht ein Projekt des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK).

Das Forschungsprojekt SMART-Care ist auf der Suche nach Biomarkern in großen Datensätzen.