„Raus aus der Isolation, rein in die Kommunikation“
Mit nur 35 Jahren erhielt Tina Scheid die Diagnose Brustkrebs. Nach Operation und Bestrahlung fand sie über Atemarbeit und Psychoonkologie zurück ins Vertrauen in Körper und Leben. Heute begleitet sie selbst andere Betroffene auf diesem Weg und zeigt, wie Heilung durch Offenheit und Austausch beginnen kann.
Sie waren 35 Jahre alt, als Sie die Diagnose Brustkrebs erhalten haben. Können Sie uns in diesen Moment mitnehmen?
Ich habe beim Duschen einen kleinen Knoten in meiner Brust ertastet, kaum größer als ein Kirschkern. Anfangs habe ich das verdrängt. Aber irgendwann dachte ich: Da ist etwas, das gehört abgeklärt. Meine Frauenärztin nahm mich sofort ernst, machte einen Ultraschall und schickte mich zur Biopsie. Ein paar Tage später kam der Anruf: ein invasives Mammakarzinom. Ein Wort, das man vorher nicht kennt und auch nicht kennen will und das dann schlagartig alles verändert. Auch das Ultraschallbild des Tumors, diesen klar umrissenen, schwarzen Fleck, hat sich bis heute in mein Gedächtnis eingebrannt.
Wie haben Sie diesen Moment emotional erlebt?
Ich war damals mitten im Leben, mit Plänen für Beruf, Partnerschaft, Familiengründung. Auf einmal stand alles still. Gleichzeitig ging es erstaunlich schnell weiter: Nur eine Woche später wurde ich im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf operiert. Der Tumor lag günstig, die Lymphknoten waren frei, das war großes Glück. Danach folgten sechs Wochen Bestrahlung. Eine Chemotherapie war im Gespräch, ich ließ aber auf Anraten meiner Onkologin zunächst einen Oncotype DX® Test durchführen. Der Test untersucht die Aktivität bestimmter Gene im Brustkrebstumor. Daraus lässt sich abschätzen, wie hoch das Risiko ist, dass der Krebs zurückkommt, und ob eine Chemotherapie wahrscheinlich nötig ist. In meinem Fall zeigte der Test, dass mein Risiko, erneut an Brustkrebs zu erkranken, mit einer Chemotherapie lediglich um sechs Prozent gesenkt werden könnte. Ich entschied mich letztlich dagegen.
Was hat Ihnen in dieser Zeit geholfen?
Ganz entscheidend war die psychoonkologische Begleitung im Krankenhaus. Ich hatte dort das Gefühl, als ganzer Mensch gesehen zu werden, nicht nur als Patientin. Diese Gespräche haben mir ermöglicht, meine Gefühle überhaupt erst wahrzunehmen. Zum Beispiel sagte damals die Onkologin, die mich später auch operierte, einen Satz zu mir, den ich erst viel später wirklich verstanden habe: „Frau Scheid, bei Ihnen geht es jetzt um Heilung.“ Damals dachte ich: Na klar, worum denn sonst? Aber im Rückblick begreife ich, was für eine große, tröstliche und zugleich richtungsweisende Aussage das war. Sie hat mich durch die ganze Therapie getragen.
Und dann war da mein Atem. Ich war schon vor meiner Erkrankung Yogalehrerin, aber während der Therapie habe ich gespürt, wie sehr mir Körperarbeit hilft, mit Angst und Stress umzugehen. Vor meiner ersten Operation habe ich ganz intuitiv eine Atemübung gemacht, die ich Jahre zuvor gelernt hatte. Das hat meinen Puls beruhigt, meinen Kopf beschäftigt und mich spürbar runtergeholt. Heute weiß ich, dass Atmung das Nervensystem direkt beeinflusst. Damals war es einfach eine Rettungsleine.
Sie sind heute selbst Psychoonkologin. Hat Ihre Erkrankung diesen Weg beeinflusst?
Absolut. Nach der Therapie wollte ich verstehen, was da eigentlich passiert war - vor allem seelisch. Ich habe mich zur Atemtherapeutin ausbilden lassen, später zur Psychoonkologin, und gemerkt: Das ist meine Aufgabe. Heute begleite ich Menschen mit und nach einer Krebserkrankung in meiner Praxis in Hamburg. Ich kombiniere Gespräche mit Atemarbeit und achtsamkeitsbasierten Methoden. Viele fühlen sich nach der Akuttherapie plötzlich allein. Während der Behandlung ist alles strukturiert, man hat medizinisches Fachpersonal, Termine, Routinen. Und dann kommt der Moment, in dem all diese Strukturen, die einen ja auch tragen, wegfallen. Das ist für viele der schwierigste Teil. Deshalb geht es in meiner Praxis auch um Austausch, um Wissen und darum, wieder Vertrauen in sich selbst zu finden. Wenn Menschen über ihre Ängste sprechen dürfen, verlieren diese an Macht. Raus aus der Isolation, rein in die Kommunikation, das ist mein Motto.
Diesen Weg gehe ich auch mit „Discovering Hands“, einer Organisation, die blinde und sehbehinderte Frauen zu medizinisch-taktilen Untersucherinnen ausbildet, die Brustuntersuchungen durchführen. Ich begleite das Projekt als Referentin und setze mich dafür ein, dass mehr Frauen frühzeitig zur Tastuntersuchung gehen. Dabei spreche ich bewusst nicht von „Vorsorge“, sondern von „Früherkennung“. Wir können Krebs nicht verhindern, aber wir können ihn rechtzeitig entdecken. Das rettet Leben.
Was wünschen Sie sich von Ärztinnen, Ärzten und dem Gesundheitssystem?
Vor allem Zeit und Sprache. Medizinisch war ich hervorragend versorgt, aber die emotionale Seite kam oft zu kurz. Ärztinnen und Ärzte sind stark auf Therapie und Ergebnisse fokussiert, was wichtig ist, aber Kommunikation ist ebenfalls Teil der Therapie. Ihnen fehlt dazu oft ganz schlicht die Zeit. Ich hatte da großes Glück, zum Beispiel mit meiner Gynäkologin, aber auch mit meiner Onkologin, von deren wichtigem Satz ich schon erzählt habe. Solche Botschaften wirken, sie verändern, wie man auf die eigene Krankheit blickt. Davon brauchen wir mehr.
Und was möchten Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?
Dass sie nicht allein sind und dass es Hilfe gibt. Psychoonkologische Unterstützung, Selbsthilfegruppen, Körperarbeit, Gespräche: Es gibt so viele Wege, mit dieser Erfahrung umzugehen. Und: Man darf Hilfe annehmen. Krebs betrifft nie nur eine Person, sondern immer ein ganzes Umfeld. Wenn wir anfangen, darüber zu sprechen, verlieren Angst und Scham ihren Platz. Kommunikation ist der erste Schritt zurück ins Leben.