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„Es ist keine Schwäche, sondern Stärke, sich Unterstützung zu holen“

2009 erhält Hans-Peter Kock die Diagnose Prostatakrebs. Ohne OP kämpft er weiter und leitet heute die Selbsthilfegruppe Gladbeck. Er erzählt, warum Mut und Zweitmeinungen helfen, offen über Krankheit zu sprechen.

Herr Kock, erinnern Sie sich an den Moment der Diagnose?

Ja, sehr genau. Es war 2009, ich war 58 Jahre alt. Der behandelnde Professor kam nach der Untersuchung mit den Worten: „Da ist etwas nicht in Ordnung.“ Damals wurde eine sogenannte Stanze durchgeführt, dabei entnimmt der Arzt mit einer feinen Hohlnadel mehrere Gewebeproben aus der Prostata, um sie unter dem Mikroskop zu untersuchen. MRT-gestützte Verfahren gab es damals noch nicht.

Von zwanzig dieser Proben waren drei auffällig. Ich hatte das große Glück, dass ein enger Freund von mir Pathologe ist. Er hat die Biopsie sofort untersucht und am nächsten Morgen wusste ich schon Bescheid: Es war ein Tumor. Natürlich war das ein Schock. Gleichzeitig sagte mir mein Freund: „Das ist ein langsam wachsender Tumor, du kannst ihn auch aktiv beobachten lassen.“ Diese Worte haben mir damals eine wichtige Perspektive gegeben.

Was hat Ihnen geholfen, mit der Diagnose umzugehen?

Die Zeit danach war psychisch nicht einfach. Ich habe mir Unterstützung bei einem Psychologen geholt, das war sehr wichtig. Außerdem war meine Familie immer an meiner Seite, besonders meine Frau. Und dann war da mein Enkelkind, das im selben Jahr geboren wurde. Das alles hat mir enormen Halt gegeben.

Ich wusste, ich möchte weiterhin eine so hohe Lebensqualität haben wie bisher, möchte weiterhin so vielseitig aktiv und engagiert sein. Mein Freund hatte gesagt: „Du kannst dich operieren lassen, aber du musst damit rechnen, dass du danach inkontinent oder impotent wirst.“ Das wollte ich nicht, auch wenn klar ist, dass solche Folgen möglich sind, aber längst nicht bei jedem Patienten auftreten. 
Bevor ich mich entschieden habe, habe ich mir noch eine Zweitmeinung in Hamburg eingeholt, das kann ich jedem nur empfehlen. Der zweite Arzt bestätigte, dass mein Tumor langsam wächst und dass ich Zeit habe, meine Entscheidung gut zu überdenken. Das hat mich in meiner Haltung bestärkt, keine Operation durchführen zu lassen. Ich habe mich also für die aktive Überwachung entschieden, das bedeutet: Alle drei Monate Kontrollen. Und das mache ich bis heute.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich bin jetzt 73 Jahre alt und überzeugt, dass ich mit und nicht an diesem Tumor sterben werde. Natürlich kommt der Professor bei jeder Untersuchung und sagt: „Herr Kock, Sie spielen mit Ihrem Leben!“ Aber ich sehe das anders. Wenn der liebe Gott meint, meine Zeit ist gekommen, dann ist sie gekommen. Ich lasse mich nicht verrückt machen.

Herr Kock, Sie leiten heute die Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe in Gladbeck. Viele Männer tun sich schwer, über Krankheiten zu sprechen oder zur Vorsorge zu gehen. Welche Erfahrungen machen Sie da und was bedeutet Ihnen die Arbeit in der Gruppe persönlich?

Ich selbst wusste lange gar nicht, dass es überhaupt eine Selbsthilfegruppe gibt. Erst neun Jahre nach meiner Diagnose wurde ich darauf hingewiesen.  Rückblickend hätte mir der Austausch mit anderen Betroffenen sicher früher geholfen. Als mich der Professor dann fragte, ob ich die Leitung übernehmen möchte, habe ich nicht gezögert. Inzwischen mache ich das seit sechs Jahren und es ist mir wirklich eine Herzensaufgabe geworden.

Wir treffen uns einmal im Monat, rund 25 bis 30 Männer kommen regelmäßig. Es ist jedes Mal ein offener Austausch: Wir reden über Therapien, Vorsorge, Ernährung, aber auch über Ängste, Hoffnung und den Alltag. Manchmal organisieren wir auch etwas Besonderes. Einmal durften wir die Operationssäle im St. Barbara-Hospital besichtigen – das war für viele ein beeindruckendes Erlebnis. Wir konnten sehen, wie modern die Technik heute ist. Besonders spannend war die Vorführung des Da-Vinci-Operationssystems: Das ist ein robotergestütztes Gerät, mit dem Ärztinnen und Ärzte über feinste Steuerarme hochpräzise operieren können. Der Arzt sitzt dabei an einer Konsole und steuert die Instrumente millimetergenau. Viele aus der Gruppe waren fasziniert, wie schonend solche Eingriffe heute möglich sind.

Und natürlich darf auch das Miteinander nicht fehlen. Einmal haben wir uns auf einem Bauernhof getroffen, bei Currywurst und Pommes. Der leitende Oberarzt hielt vorher einen Vortrag über die Wirkung von Curry auf Prostatakrebs. Solche Ausflüge bleiben natürlich in Erinnerung. 

Wie erleben Sie die Teilnehmer, die zu Ihnen in die Gruppe kommen?

Die Hemmschwelle ist anfangs bei manchen hoch. Scham spielt gerade bei älteren Männern noch eine große Rolle. Aber sobald sie merken, dass sie verstanden werden, fällt die Anspannung ab. Jüngere Männer, so um die 50, reden viel offener. Das ist eine gute Entwicklung. Ich ermutige immer dazu, auch psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Viele denken ja immer noch: „Wer zum Psychologen geht, ist nicht ganz bei Trost.“ Das hat sich zum Glück geändert. Ich sage immer: Es ist keine Schwäche, sondern Stärke, sich Unterstützung zu holen.

Sie engagieren sich sehr. Was motiviert Sie?

Ich bin einfach ein Mensch, der gern gibt. Ich war immer in Vereinen aktiv: In der Kirche, im Posaunenchor, bei diversen Hilfsprojekten, in meinem Berufsleben war ich bei der Feuerwehr. Das hat mein Leben geprägt. Dieses Geben und Nehmen: Das gleicht sich immer aus. Wenn man für andere da ist, kommt auch viel Gutes zurück.

Was wünschen Sie sich von Ärztinnen, Ärzten und vom Gesundheitssystem im Umgang mit Patientinnen und Patienten?

Ich wünsche mir, dass Ärztinnen und Ärzte noch mehr Zeit haben, auf den Menschen einzugehen. Es geht ja nicht nur um Zahlen und Befunde, sondern um das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Viele Betroffene brauchen nicht nur medizinische, sondern auch seelische Begleitung. Und ich würde mir wünschen, dass schon frühzeitig auf Selbsthilfegruppen hingewiesen wird. Das ist bei mir erst nach neun Jahren passiert und das ist schade, denn der Austausch ist unglaublich wertvoll.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft an andere Männer?

Ganz klar: Geht zur Vorsorge! Viele Männer schieben das Thema vor sich her – aus Scham oder weil sie denken, es betrifft sie nicht. Aber Vorsorge rettet Leben. Und wenn die Diagnose da ist, dann bitte: Holt euch eine Zweitmeinung. Das ist enorm wichtig, bevor man eine Entscheidung trifft.
Ich selbst bin froh, dass ich damals auf mein Gefühl gehört habe. Diese Entscheidung hat mir Lebensqualität geschenkt. Und ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte anderen Mut machen kann, ihren eigenen Weg zu gehen.

Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe e.V.

Der BPS ist Unterstützer der NDK setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, Männer mit Prostatakrebs und deren Angehörige zu informieren, zu beraten und zu unterstützen. Auf der Webseite finden sich Fachinformationen zu Diagnose, Therapie, Nachsorge.  Über die Rubrik „Sie sind nicht allein – Die Selbsthilfe“ kann man gezielt nach regionalen Selbsthilfegruppen suchen.

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