„Mein Bauchgefühl ist mein Leitstern – es ist intakt.“
Esther Meyer erhielt in sehr jungen Jahren die Diagnose Darmkrebs – ein Zufallsbefund nach einer Koloskopie. Zwei Drittel ihres Darms wurden entfernt, was ihre Verdauung komplett auf den Kopf gestellt hat. Wie sie lernt, damit umzugehen erzählt sie hier.
Dein Arzt hat dir nach der Behandlung einer Thrombose im Knie eine Darmspiegelung empfohlen? Wie kam er vom Knie zur Koloskopie?
Mein Arzt wusste: Eine Thrombose kann ein Hinweis auf einen Tumor sein. Deshalb empfahl er mir eine Darmspiegelung. Dabei wurde ein darmfüllender Tumor gefunden, der – wäre er unentdeckt geblieben – zu einem Darmverschluss geführt und mich mein Leben gekostet hätte. Ich war gerade 44 Jahre alt geworden, die Thrombose war die weiße Fahne meines Körpers.
Erinnerst du dich an den Moment der Diagnose? Wie hast du dich gefühlt?
Nach der Darmspiegelung haben mich alle in der Praxis seltsam angeschaut und ich habe gespürt, dass da etwas ist. Dass der große Tumor aller Wahrscheinlichkeit nach Krebs ist, habe ich schnell akzeptiert und meinen Ärzten vertraut. „Vertrauen ist die stillste Form von Mut!“ - mein Leitspruch, der mich seit der Diagnose begleitet und mir Kraft gibt. Viel Angst hatte ich nicht. Dann ging wegen drohendem Darmverschluss natürlich alles recht schnell. Nur zwölf Tage später wurde ich operiert.
Wusstest du vor der OP, wie sehr dein Körper verändert werden wird?
Nein. Natürlich wurde mir vorher erklärt, dass ich zwei Drittel meines Darms verlieren werde, aber welch großer Einschnitt das für meinen Alltag ist, war mir nicht klar. Und auch nach der OP habe ich nicht sofort verstanden, dass ich ab jetzt nie mehr unbekümmert essen kann. Diese Erkenntnis kam erst langsam. Es hat viel Frust und Verzweiflung gekostet, bis ich herausgefunden habe, was, wie und wann ich essen kann bzw. welcher der beste Umgang mit meiner neuen Verdauung ist. Dieser Lernprozess hält eigentlich bis heute an, Durchfälle gehören zu meinem Alltag und es gibt immer wieder herausfordernde Situationen, wie Reisen beispielsweise, wo nicht immer eine freie Toilette in der Nähe ist. Aber ich habe es insgesamt viel besser im Griff. Ich habe gelernt, auf meinen Bauch zu hören, im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Bauchgefühl ist in all dieser Zeit mein Leitstern, es ist intakt.
Was hat dir geholfen, psychisch und physisch wieder zu Kräften zu kommen?
Ich bin von Grund auf mit Widerstandskraft, Optimismus und Humor ausgestattet. Mein Glas ist halbvoll, mich in eine dunkle Höhle zu verziehen, kam gar nicht infrage. Nach der OP hat das Tumorboard entschieden, dass ich als Patientin selbst über eine adjuvante Chemotherapie entscheiden soll. Ich habe mich mit meinen Ärzten und mit Onkologen in der Reha darüber verständigt und vor allem auf mein Bauchgefühl gehört, und schließlich entschieden, keine Chemotherapie zu machen. Das war eine sehr schwierige Entscheidung für mich und schwerwiegender als die Diagnose Darmkrebs zu akzeptieren. Ich habe mich in der Reha dann körperlich wieder aufgebaut, da ich innerhalb kürzester Zeit weit über 20 Kilo an Gewicht verloren hatte. Sport und Bewegung sind für mich das A und O, das stärkt natürlich. Und Bewegung ist gut gegen Krebs! Ich tue alles, um ein mögliches Rezidiv zu verhindern, da gehören Sport und eine gesunde Ernährung einfach dazu.
Psychisch hatte ich zum Glück nie großartige Probleme und bezeichne mich seit der Diagnose selbst als (T)humorvoll. Meinen Optimismus hatte ich zwar schon immer, aber seit der Krebsdiagnose weiß ich die Unterstützung und den Zusammenhalt meiner Familie, Freunde und meiner Tanzgruppe umso mehr zu schätzen. Das ist eine wahre Kraftquelle.
Was ich als mental sehr hilfreich empfinde, sind der Austausch und die Verbindung mit anderen Betroffenen. Ich engagiere mich ehrenamtlich in der ILCO, der bundesweiten gemeinnützigen Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Darmkrebs und/oder einem Stoma – also einem künstlichen Darmausgang. Hier kann ich anderen mit meiner Geschichte Mut machen, gleichzeitig geben mir deren Erfahrungen manchmal eine neue Perspektive auf meine Erkrankung. Das ist eine große Kraftquelle für mich. Daher lasse ich mich bei der ILCO im Herbst für den Besuchsdienst ausbilden und kann Menschen direkt nach ihrer OP zur Seite stehen.
Du wurdest mit dem Ehrenfelix 2025 der Felix Burda Stiftung ausgezeichnet, denn du setzt dich dafür ein, dass mehr Menschen die Darmkrebsvorsorge wahrnehmen. Wie schaffst du es, andere davon zu überzeugen?
Ich bin einfach authentisch und erzähle meine Geschichte, ohne zu beschönigen. Angefangen habe ich mit der Aufklärung und Werbung zur Darmkrebsvorsorge erstmal im privaten Umfeld, später dann öffentlich in Interviews, Podcasts und Social Media. In erster Linie möchte ich verhindern, dass andere an Darmkrebs erkranken. Auf meinem Instagram Account leiste ich ungewöhnliche Aufklärungsarbeit, um das Thema Darmkrebs aus der Tabuzone zu holen. Das Thema braucht einfach Aufmerksamkeit! Außerdem nehme ich meine Follower per Instagram mit zum Arzt, aufs Klo oder letztens zur eigenen Koloskopie. Mit dieser Untersuchung ist nach wie vor ein „darüber-redet-man-nicht“-Gefühl verbunden. Wir müssen also noch mehr darüber aufklären und zeigen, dass die Darmspiegelung überhaupt nicht schlimm ist. Mir hat sie mein Leben gerettet! Und was viele nicht wissen: Darmkrebs lässt sich durch die Darmkrebsvorsorge verhindern oder in frühem Stadium erkennen. Deshalb bin ich Mitglied in der ROTEN HOSE Darmkrebsvorsorge e.V., geworden, um noch mehr dieses Thema in die Öffentlichkeit zu rücken.
Kannst du anderen Betroffenen etwas mitgeben?
Ich nehme das Leben und die Zeichen meines Körpers seit der Diagnose sehr viel bewusster wahr und kümmere mich mehr um ihn; Qigong beispielsweise hilft mir, aufmerksam zu atmen. Und durch die innere Ruhe können sich neue Seiten von mir zeigen: Gerade habe ich das Schreiben für mich entdeckt, das fiel mir früher immer unheimlich schwer.
An Krebs zu erkranken, ist sicher nicht toll, aber man kann sein Schicksal akzeptieren und einen positiven Umgang damit finden – jeder auf seine eigene Art. Ich sehe meine Krebs-Erkrankung als Glücksfall, dass sie überhaupt entdeckt worden ist und ich so neue Chancen bekommen habe. Das Leben versuche ich deshalb einfach zu genießen.
Geduld ist dabei ganz essenziell, vor allem Geduld mit sich selbst. Wichtig auch: Nicht googeln! Vertraue lieber deinen Ärzten und deinem Bauchgefühl. Und noch ein Tipp: Suche dir eine Selbsthilfegruppe. Du bist mit deinem Krebs nicht allein.