Patienten zur Beteiligung befähigen

Patientenbeteiligung ist ein Kernthema der Dekade gegen Krebs. Aber wie werden Betroffene zur praktischen Mitarbeit befähigt? Patientenschulungen, -akademien, -beiräte und -fürsprecher helfen, die Patientenperspektive in die Forschung einzubringen.

Um den Patientennutzen immer mehr in den Fokus der Forschung zu rücken, unterstützt die Nationale Dekade gegen Krebs die Patientenbeteiligung in der Forschung (partizipative Forschung). Mit Renate Pfeifer von der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe und Jan Geißler von EUPATI/Patvocates Deutschland sitzen zwei Patientenvertreter im Strategiekreis der Nationalen Dekade gegen Krebs, die für eine frühe Einbindung der Patientensicht in die Krebsforschung eintreten und ihre Erfahrungen damit in die Dekade gegen Krebs einbringen.

Patienten fit machen für die Beteiligung auf Augenhöhe

Um die ehrenamtlich tätigen Betroffenenvertreter angemessen vorzubereiten, ist Zugang zu Information und Weiterbildungen unerlässlich.

Schulungen Patientenvertreter

Weiterbildungen ermöglichen Patientenvertreterinnen und -vertretern eine Beteiligung auf Augenhöhe.

gettyimages/vm

In Schulungen werden Patientinnen und Patienten wissenschaftlich fundiert, objektiv und umfassend zu grundlegenden Prinzipien z. B. der Arzneimittelforschung und -entwicklung informiert, sodass sie effektive Berater in der Entwicklung von Arzneimitteln, bei Zulassungsbehörden und -gremien und in Ethikkommissionen sein können.

Was nützt partizipative Forschung den Patienten?

Aufgrund ihrer detaillierten Kenntnisse über das Leben mit der Krankheit kann die Beteiligung von Patientinnen und Patienten in frühesten Stadien die Priorisierung der Arzneimittelforschung und -entwicklung auf Aspekte mit einem hohen Nutzen für die Betroffenen sicherstellen.

Das ist der Fall, wenn das Erfahrungswissen der Betroffenen in Entscheidungen einbezogen wird und sich durch die Forschung z.B. so genannte patientenrelevante Endpunkte spürbar verbessern, wie:

• die Lebensqualität (wie fühlt er/sie sich, wird das Leben noch als lebenswert empfunden)
• die Morbidität (wie stark ist sie/er gehindert, im Alltag zu funktionieren)
• die Mortalität (wie groß ist der Gewinn an Überlebenszeit).

Sie lernen grundsätzliche Begriffe der medizinischen Forschung wie Evidenz (wann sind Erkenntnisse verlässlich, mehr dazu unter Weitere Informationen am Textende) kennen und wie man Evidenz generiert. Zudem werden ihnen Kompetenzen wie Rhetorik und Gesprächsführung, Nutzung von sozialen Medien zu Kommunikations- und Recherchezwecken sowie das Lesen einer Studie und dazu notwendige statistische Kenntnisse vermittelt. Auch die Aufklärung über Aufgaben, Rechte und Pflichten von Patientenvertretern, über Patientenrechte sowie Strukturen und Entscheidungsprozesse im Gesundheitswesen findet in entsprechenden Schulungen und Trainings statt.

Die Schulungen bietet u.a. die Stabsstelle Patientenbeteiligung beim Gemeinsamen Bundesausschuss für benannte Patientenvertreter (z. B. auch für den Innovationsfonds) oder auch EUPATI (die Europäische Patientenakademie) an. Auch die Selbsthilfe schult Betroffene zum Zwecke der Beteiligung.

Vorgaben für die Mitarbeit von Patientenvertretern

Patientinnen und Patienten müssen unabhängig sein, auch wenn sie mit verschiedenen Interessensgruppen zusammenarbeiten und teilweise innerhalb der Einflusssphäre agieren. Daher sind Regelungen für die Zusammenarbeit von Betroffenen mit Partnern aus Zulassungsbehörden, Ethikkommissionen oder Industrie wichtig. Insbesondere nachfolgende Punkte sollten hierbei bedacht werden:

  • Transparenz über Interessenskonflikte und erhaltene Vergütung
  • Verwendung und Konsens über geeignete Werkzeuge und Methoden in der Arbeitspartnerschaft
  • schriftliche Vereinbarungen, u.a. zu Datenschutz, Vertraulichkeit, geistige Eigentumsrechte und Verwendung von Information über Ergebnisse (z.B. Studienergebnisse, wenn es sich um eine Zusammenarbeit im Rahmen einer Studie handelt)
  • faire Aufwandsentschädigung für die ehrenamtlich arbeitenden Patientenvertreter

Mehrwert für die Forschung und Entwicklung

• Mehr Relevanz
Erst durch Einbezug von Betroffenen wird Forschung bedarfs- und bedürfnisgerecht. Das erhöht die Relevanz, Qualität und Glaubwürdigkeit von Forschung.
• Mehr Demokratie
Der Forschungsprozess wird demokratischer, durch gleichberechtigte Teilhabe, Rechenschafts-pflicht und Transparenz gegenüber der Bevölkerung. Das sorgt für mehr Akzeptanz.
• Bessere Daten
Erhebungsinstrumente wie etwa Interviewleitfäden oder Fragebögen können patientenfreundlicher gestaltet und damit die Mitarbeit verbessert werden. Der Einbezug der Patientensicht- und Erfahrung hilft, die richtigen Fragen zu stellen. Das bringt neue und bessere Erkenntnisse und Ergebnisse.
• Weniger Studienabbrecher
Partizipation kann helfen, Probanden - auch solche aus vulnerablen und schwer erreichbaren Gruppen - zu gewinnen. Die Forschungsmethoden können auf die Möglichkeiten der Erkrankten abgestimmt werden, so dass diese weniger häufig abbrechen.
• Anschaulichere Darstellung der Ergebnisse
Betroffene helfen, die Studienergebnisse laienverständlich und für ein breites Publikum aufzubereiten. Sie sind Botschafter der Forschungsbefunde und liefern Feedback für Entscheidungsträger.

Einzelne Akteure haben hierfür bereits Verhaltensgrundsätze (Kodizes, engl. Codes of Practice) zur Patientenbeteiligung aufgestellt und die Verordnung zur Beteiligung von Patientinnen und Patienten in der Gesetzlichen Krankenversicherung (Patientenbeteiligungsverordnung § 140 f SGB V) wurde in Deutschland implementiert.

Leitlinien aus Patientensicht hat beispielsweise auch EUPATI entwickelt. Die unabhängige Selbsthilfe über ihren Dachverband Haus der Krebs-Selbsthilfe entwickelt derzeit einen neuen Leitfaden für Patientenvertreterinnen und -vertreter, der Orientierung für die Patientenbeteiligung in Gremien und Forschung prozessorientiert und nach Grad der Beteiligung gibt.

Das ermöglicht einen konstruktiven und möglichst gleichberechtigten Dialog zwischen Patientinnen und Patienten mit weiteren Akteuren aus Forschung und Entwicklung.

Einbindung von Patientenbeiräten

Der Einbezug der Patientensicht kann ebenfalls in Form eines Patientenbeirats organisiert werden. Auch hier sind vorbereitende Schulungen hilfreich, wie sie zum Beispiel über die Selbsthilfeorganisationen angeboten werden. In solchen Beiräten treffen sich - parallel zur Entwicklung einer Studie - Betroffene untereinander und besonders auch mit den Forschenden und diskutieren Themen wie verschiedene Therapieformen (Interventionen) und deren Ergebnisse (Outcome) oder Formen der Gewinnung (Rekrutierung) von Probanden. Die Ergebnisse werden dann den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kommuniziert.

Nicht alle Patientengruppen sind jedoch in der Lage, direkt an Forschungsprozessen mitzuwirken, wie beispielsweise Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen. Hier kann eine neutrale Person, z. B. in Form eines so genannten Patientenfürsprechers – das ist ein unabhängiger Fachexperte mit guten sozialen und kommunikativen Fähigkeiten – mit den Mitgliedern des Beirats in ihrem gewohnten Umfeld sprechen und ihre Perspektive den Forschenden näherbringen. Auch Angehörige können entsprechend einbezogen werden und diese Funktion übernehmen. Das BMBF fördert die Entwicklung von solchen Konzepten, die insbesondere den Einbezug von schwer erreichbaren oder besonders sensiblen Gruppen ermöglichen (siehe Weitere Informationen am Textende).

WEITERE INFORMATIONEN

Interview mit Jan Geißler zu Patientenbeteiligung in der Forschung
Patientenbeteiligung auf Versorgungsebene (im Gemeinsamen Bundesausschuss)

Entwicklung eines Leitfadens zur Beteiligung älterer Menschen an klinischen Studien mithilfe von Patientenfürsprechern (BMBF-gefördertes Projekt an der Uni Bremen)

EUPATI Deutschland (EUPATI Webseite)

Was ist Evidenz und wie wird sie generiert (IQWIG)

Partizipation an der Forschung – eine Matrix zur Orientierung, PDF (Deutsche Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften e.V.)