Neuer Biomarker für Darmkrebs

Bei einer Darmspiegelung kann Krebs rechtzeitig entdeckt bzw. verhindert werden. Doch zu wenig Menschen nutzen die unbeliebte Untersuchung. Ein Test, der Menschen mit erhöhtem Risiko identifiziert, könnte Betroffenen die Notwendigkeit aufzeigen.

„Noch immer trifft die Diagnose Darmkrebs jedes Jahr fast 60.000 Menschen in Deutschland", sagt der Epidemiologe Prof. Dr. Hermann Brenner, der die Abteilung Klinische Krebsepidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum leitet, einem Partner der Nationalen Dekade gegen Krebs. Der Forscher ist überzeugt: „Die Darmkrebs-Vorsorge könnte vermutungsweise viel effektiver und gezielter eingesetzt werden, wenn wir die Möglichkeit hätten, das persönliche Erkrankungsrisiko mit einem Biomarker einzuschätzen."

Risikoangepasste Früherkennung kann den Nutzen von Vorsorge optimieren

Dafür braucht es Testverfahren, mit denen das individuelle Erkrankungsrisiko möglichst zuverlässig bestimmt werden kann. Ein möglicher Weg sind so genannte Biomarker.

Blut wird aus einem Probenröhrchen entnommen

Forschungswissen eröffnet immer mehr Möglichkeiten zum Einsatz von Biomarkern. Biomarker sind messbare Veränderungen im Körper, die Hinweise auf eine mögliche Erkrankung, deren Verlauf oder das Anschlagen der Therapie geben. Mit Biomarkern, die eine Krankheit bzw. das Risiko sie zu entwickeln, früh anzeigen, ließe sich das Präventionspotential zukünftig noch besser ausschöpfen. Diesem Thema widmet sich die AG Prävention der Dekade.

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Was sind Biomarker?

Biomarker sind biologische Messwerte, die z.B. mit dem Auftreten einer Erkrankung einhergehen oder Auskunft über deren zu erwartenden Verlauf geben können. Voraussetzung für einen guten Biomarker ist, dass er leicht messbar ist (z.B. sich im Blut finden lässt). Zudem muss er zuverlässig in seiner Aussage sein.

Eine große Hoffnung in der Krebsmedizin sind Biomarker, die zur Früherkennung der Erkrankung herangezogen werden können, noch bevor sie in Erscheinung tritt. Könnte man einen solchen Messwert identifizieren, wäre es mit einem einfachen Bluttest möglich, Menschen mit Krebs frühzeitig zu entdecken und zu behandeln.

Risikoangepasste Früherkennung

Die allgemeine Krebsfrüherkennung wird grundsätzlich allen Menschen ab einem bestimmten Alter angeboten.


Doch bei Menschen mit erhöhtem Risiko kann Krebs z.B. schon früher als in der Allgemeinbevölkerung auftreten. Bei ihnen könnte ein Screening in jüngerem Alter oder ggf. kürzeren Intervallen oder mit spezifischeren Testverfahren helfen, die Erkrankung in einem noch heilbaren Stadium zu entdecken.

Zudem wird angenommen, dass Menschen, die um ihr erhöhtes Krebsrisiko wissen, sich bewusster für den Gang zur Vorsorge entscheiden. Wer ein niedrigeres Risiko hat, könnte dagegen womöglich später oder weniger häufig zur Vorsorge müssen.

Die Bestimmung des individuellen Risikos und ein darauf abgestimmtes Vorgehen nennt man risikoadaptierte Früherkennung. Wie sich Vorsorge an das individuelle Risiko anpassen lässt („risikoadaptierte Vorsorgemaßnahmen“), damit beschäftigt sich die AG Prävention der Dekade gegen Krebs. Prof. Brenner ist hier Themenpate.

Ein Team um Prof. Dr. Hermann Brenner hat nun ein vielversprechendes Verfahren untersucht, ob so genannte Mikro-RNAs (miRNAs), die sich natürlicherweise im Blut finden, als Biomarker herangezogen werden könnten, um das individuelle Risiko einer Person für eine Darmkrebserkrankung zu ermitteln.

Bei der Prüfung der Verlässlichkeit von miRNAs als Biomarker kamen sie zu dem Ergebnis: Sieben solcher Mikro-RNAs könnten die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung von Darmkrebs besser als herkömmliche Methoden anzeigen – und das bereits viele Jahre vor der Diagnose. Weitere Studien müssen das aber noch bestätigen, bevor ein solcher Test eingesetzt werden kann.

Was sind Mikro-RNAs und was haben sie mit Krebs zu tun?

Krebszellen versuchen sich der Kontrolle des Körpers zu entziehen. Sie unterliegen vielfältigen Veränderungen und weichen vom normalen Zellverhalten ab. Das wird ihnen beispielsweise durch entstandene Mutationen auf ihrer DNA ermöglicht, die dazu führen, dass in ihnen Proteine im falschen Verhältnis oder Maß produziert werden. Meist sind das Proteine, die an Wachstumsprozessen der Zelle beteiligt sind und die den Krebszellen dadurch ihr unbegrenztes Wachstum ermöglichen.

Proteine – die Arbeiter der Zelle

Jede Körperzelle enthält in ihrem Zellkern im Wesentlichen den gleichen, durch die DNA festgelegten Bauplan – den genetischen Code. Dass dennoch Zellen mit unterschiedlichen Eigenschaften entstehen, kommt dadurch zustande, dass in jeder Zelle ein spezifisches Repertoire an Proteinen produziert wird.

In jeder Zelle werden bestimmte DNA-Abschnitte abgelesen und daraus die benötigten Proteine produziert; diese Proteine (z.B. Enzyme) setzen die Erbinformation aktiv auf Zellebene um. Sie sind die Arbeiter im Stoffwechsel und bestimmen, wie sich eine Zelle verhält, beispielsweise wie oft diese sich teilt.

Wie Mutationen zu Veränderungen des Zellverhaltens führen können

Die Grundbausteine der DNA sind vier verschiedene Nukleotide, die sich in einem Bestandteil, ihrer Base, unterscheiden. Aus der Abfolge der verschiedenen Nukleotidbasen ergibt sich der Bauplan für ein bestimmtes Gen-Produkt, z.B. ein Protein. Abschnitte der DNA, die für ein Protein codieren, nennt man ein Gen.

Je drei aufeinander folgende Nukleotidbasen stehen für eine Aminosäure. Aminosäuren sind wiederum die Bausteine der Proteine. So ergibt sich aus der Basensequenz die Abfolge von Aminosäuren, aus denen die Zelle ein benötigtes Protein bilden kann.

Bei einer Mutation kann jedoch die Basenabfolge verändert werden. Das kann die Information verfälschen und führt zu Veränderungen bei der Proteinproduktion und damit zu einem abnormalen Verhalten einer Zelle.  

Mehr zu den vielfältigen DNA-Veränderungen bei Krebs und ihren Einfluss auf das bösartige Verhalten von Krebszellen

Normalerweise werden Proteine nach einem streng kontrollierten Prozess hergestellt, der mit dem Freischalten und Ablesen der dafür bestimmten Gen-Abschnitte beginnt. Mikro-RNAs kommt dabei eine wichtige Rolle bei der Steuerung zu, sie beeinflussen, welche Gene abgelesen und umgesetzt werden. Sie können die Übersetzung der Geninformation in Proteine erschweren, völlig verhindern oder auch erleichtern.

Damit sind sie für die Feinabstimmung der Proteinproduktion zuständig und regulieren so grundlegende biologische Prozesse wie die Entwicklung, Spezialisierung, Teilungsrate und den vorprogrammierten Tod einer Zelle, der im Normalfall nach einer gewissen Teilungsrate automatisch ausgelöst wird. All diese Prozesse sind bei Krebszellen gestört.

Prof. Hermann Brenner, DKFZ

Der Studienleiter Prof. Hermann Brenner (DKFZ) ist auch Themenpate der AG Prävention der Dekade gegen Krebs.

H. Brenner

Daraus ergab sich die Hypothese, dass durch den Nachweis bestimmter miRNAs in einer Blutprobe anzeigen lassen könnte, ob sich irgendwo im Körper Krebs entwickelt. Da viele miRNAs ins Blut abgegeben werden und sie sich somit gut erfassen lassen, würde sie das zudem tauglich als Biomarker machen.

Vorgehen der DKFZ-Forschenden

Brenner und sein Team wählten zunächst 41 verdächtige miRNA-Kandidaten anhand der Literatur und eigener Vorarbeiten

aus. Auf diese testeten sie das Blutserum von Teilnehmenden der ESTHER-Studie. ESTHER ist eine große Längsschnittstudie, die das Team seit dem Jahr 2000 in enger Kooperation mit dem Krebsregister Saarland (mehr zu Krebsregistern s. Weitere Informationen am Textende) durchführt. Insgesamt 198 der fast 10.000 ESTHER-Teilnehmenden waren innerhalb von 14 Jahren nach der Blutentnahme an Darmkrebs erkrankt. Das Team um Brenner konnte ihr Blut nachträglich noch untersuchen, da dieses in einer Biodatenbank (mehr zu Biodatenbanken s. Textende) gespeichert worden war.

Sie identifizierten sieben miRNAs, die sich schon viele Jahre vor der Diagnose auffällig im Blut der später Erkrankten zeigten – nicht jedoch bei den krebsfrei gebliebenen Teilnehmenden. Sie ermittelten daraus einen Risikoscore, also welches miRNA-Muster mit welchem Risiko für eine spätere Erkrankung einhergeht.

Um zu evaluieren, wie verlässlich ihr neues Verfahren ist, verglichen die Forschenden es zum einen mit dem bisher aussagekräftigsten genetischen Risikoscore, der auf 140 so genannten Einzelnukleotid-Polymorphismen (engl.: Single Nucleotide Polymorphism, kurz SNP) basiert. Hierfür wird die Anzahl der veränderten Basenabfolgen (Mutationen) der DNA ermittelt (mehr dazu s. Proteine - Die Arbeiter der Zelle, oben).

Des Weiteren glichen sie die Aussagekraft ihrer Methode ab mit einem Lebensstil-basierten Risikoprofil, das unter anderem Rauchverhalten, Körpergewicht oder den Grad der körperlichen Aktivität berücksichtigt. Dabei zeigte sich, dass die Messung der miRNA das individuelle Erkrankungsrisiko weitaus besser voraussagen konnte als die beiden anderen Verfahren.

"Die Bestimmung von miRNA-Konzentrationen könnte ein vielversprechender Ansatz sein, das individuelle Darmkrebsrisiko besser abzuschätzen als das mit bisher verfügbaren Methoden möglich war. Wenn sich die Vorhersagekraft in unabhängigen Studien mit langer Laufzeit bestätigen lässt, hätten wir einen aussagekräftigen Biomarker zur Verfügung, der die Darmkrebsvorsorge entscheidend verbessern könnte", resümiert Studienleiter Hermann Brenner.

Zur Original-Studie (englische Fachliteratur)

WEITERE INFORMATIONEN

Krebsregister und ihr Nutzen für die Forschung
Biodatenbanken und ihr Nutzen für die Forschung