„Proxidrugs greifen die Ursache der Krankheit direkt an“
Der Zukunftscluster PROXIDRUGS sucht neue Therapieansätze für bislang schwer behandelbare Krankheiten. Die Forschenden fokussieren sich dabei auf innovative Arzneistoffe, die Krebsproteine gezielt erkennen, markieren und damit bewirken, dass die Zelle sie selbst abbaut.
PROXIDRUGS wird seit 2021 im Rahmen der „Clusters4Future“-Initiative des BMFTR mit jährlich 5 Millionen Euro gefördert. Wir haben mit dem Leiter des Clusters, Prof. Dr. Ivan Đikić über die vielversprechende neue Wirkstoffklasse und ihre Bedeutung für die Krebsmedizin gesprochen.
Herr Prof. Đikić, was sind Proxidrugs und was macht sie so einzigartig?
Proxidrugs sind eine völlig neue Klasse von Wirkstoffen, die einen echten Paradigmenwechsel in der modernen Medizin einleiten. Proxidrugs programmieren die natürlichen Abfallprozesse der Zelle um. Das heißt, sie sorgen dafür, dass schädliche Proteine gezielt abgebaut und entsorgt werden. Genau hier liegt die Besonderheit: Proxidrugs wirken nicht einfach hemmend, sondern entfernen die eigentliche Krankheitsursache. Der Name leitet sich von proximity – also „Nähe“ – ab, weil die Wirkstoffe schädliche Proteine in die Nähe der zelleigenen Abbausysteme bringen. So können wir Proteine angreifen, die bisher als „unbehandelbar“ galten.
Welche Möglichkeiten sehen Sie in der Anwendung bei Krebs?
Gerade in der Krebsmedizin eröffnet sich durch Proxidrugs ein enormes Potenzial. Krebs entsteht dadurch, dass Zellen ihr normales Gleichgewicht verlieren: Bestimmte Proteine werden überaktiv und treiben unkontrolliert das Zellwachstum an, während Schutzmechanismen, die das eigentlich verhindern sollen, ausgeschaltet werden. Mit Proxidrugs haben wir nun erstmals die Möglichkeit, solche Proteine gezielt anzugreifen und zu entfernen. Damit greifen wir direkt in die zentralen Ursachen der Krebsentstehung ein.
Besonders spannend ist auch, dass Proxidrugs sich sehr genau anpassen lassen. Im Idealfall können wir sie so entwerfen, dass sie nur mutierte, krankmachende Proteine angreifen, die gesunden Pendants aber unangetastet lassen. Das eröffnet die Chance, präzisere und gleichzeitig wirksamere Therapien zu entwickeln. Das bedeutet weniger Nebenwirkungen und bringt uns einen großen Schritt näher an eine personalisierte Krebsmedizin, bei der jede Patientin und jeder Patient genau die Therapie bekommt, die zu ihrem spezifischen Tumorprofil passt.
Was waren bisherige Meilensteine der Proxidrug-Forschung?
Ein wichtiger Durchbruch war die erfolgreiche Bestätigung des Konzepts in der Klinik: Das weltweit erste im Labor produzierte Proxidrug gegen Brustkrebs hat die letzte klinische Prüfungsphase erfolgreich bestanden und steht kurz vor der Marktzulassung. Das ist ein starkes Signal, dass diese Wirkstoffklasse das Potenzial hat, die Medizin nachhaltig zu verändern. Dieses konkrete Medikament stammt natürlich nicht aus unserem Cluster, zeigt aber eindrucksvoll, wie vielversprechend sich das Feld entwickelt.
In meinem eigenen Labor haben wir vor allem in Bezug auf die Weiterentwicklung der Technologien, mit denen wir neue Proxidrugs entdecken und testen können, in letzter Zeit große Fortschritte erzielt. Zusammen mit der engen Vernetzung von akademischen und industriellen Partnern im Cluster haben wir so die Grundlage geschaffen, den Weg von der Idee bis zum Wirkstoff deutlich zu beschleunigen.
Was sind die großen Herausforderungen in der Entwicklung und welche Schritte sind nötig, um näher Richtung Anwendung zu kommen?
Die größte Herausforderung besteht darin, Proxidrugs so zu entwickeln, dass sie beim Menschen wirklich sicher und wirksam eingesetzt werden können. Das klingt selbstverständlich, ist aber äußerst komplex: Wir müssen genau verstehen, wie diese Wirkstoffe wirken, wie sie im Körper verteilt und abgebaut werden und ob dabei unerwünschte Nebenwirkungen auftreten.
Der Weg zum marktreifen Medikament ist daher lang. Und wir befinden uns ganz am Anfang dieses Entwicklungsprozesses – uns geht es darum, überhaupt geeignete Zielproteine und Mechanismen zu identifizieren, darauf aufbauend erste Wirkstoffe zu konstruieren und eine geeignete Verpackung zu finden, damit der Wirkstoff auch an der richtigen Stelle ankommen. Alle weiteren Schritte – also präklinische Tests, toxikologische Untersuchungen, klinische Studien und am Ende eine mögliche Zulassung – kommen erst viel später.
Für diesen gesamten Prozess braucht es enge internationale Kooperationen. Die Entwicklung von Proxidrugs erfordert enormes Know-how, modernste Technologien und erhebliche Ressourcen. Kein einzelnes Labor oder Unternehmen kann das allein stemmen.
Gab es in Ihrer Forschung einen Moment, der Sie besonders überrascht oder inspiriert hat – vielleicht eine Entdeckung, die Sie so nicht erwartet hätten?
Einer der wichtigsten Momente war für mich kein biologischer Befund, sondern eine technologische Entwicklung: die Etablierung unserer neuen massenspektrometrischen Methode ProxiCapture. Mit ihr können wir erstmals sehr präzise und in großem Maßstab messen, welche Proteine mit Hilfe von Proxidrugs tatsächlich in Zellen abgebaut werden. Das hat uns die Augen geöffnet, weil wir plötzlich einen direkten, umfassenden Blick darauf bekamen, wie diese Wirkstoffe wirken.
Dieser technologische Sprung ist für die gesamte Wirkstoffentwicklung entscheidend – er ermöglicht uns auch ein viel schnelleres und genaueres Screening nach neuen Proxidrug-Kandidaten. Mit diesem Werkzeug können wir die Forschung enorm beschleunigen und präzisieren.
Und das macht uns optimistisch: Ich bin überzeugt, dass wir in den kommenden Jahren noch viele inspirierende Momente erleben werden – wissenschaftliche Entdeckungen, die wir heute vielleicht noch gar nicht vorhersehen können, die aber neue Türen für die Medizin öffnen.