Automatisierter Klinikpfad: Diagnose und Behandlung an einem Ort
Der Forschungscampus M²OLIE will den Behandlungsweg für Menschen mit Organmetastasen grundlegend verändern. Statt mehrschrittiger Diagnostik, langen Wartezeiten und mehrfachen Klinikbesuchen findet alles an einem Ort und in kürzester Zeit statt.
Wenn sich Krebs ausbreitet, ist schnelle Hilfe entscheidend. Ein neues Versorgungskonzept soll Patientinnen und Patienten mit bis zu fünf Metastasen – oft in der Leber – rascher behandeln. Da verschiedene Körperregionen betroffen sind, braucht es mehrere medizinische Fachbereiche. Für Betroffene bedeutet das meist mehrere Termine an unterschiedlichen Standorten. Der Austausch von Befunden zwischen den IT-Systemen erfolgt oft nicht automatisiert, sodass Verzögerungen die Folge sind.
Metastasen sind der häufigste Sterbegrund bei Menschen mit Krebs, auch wenn der Primärtumor unter Kontrolle ist. Um sie effektiv zurückzudrängen, sollten sie individuell behandelt werden. Da sich die molekularen und genetischen Eigenschaften von Metastasen sowohl vom Ursprungstumor als auch untereinander unterscheiden, muss jede Absiedelung individuell betrachtet werden. Das bedeutet, von jedem Tumorherd wird eine Probe entnommen und analysiert.
Personalisierte Therapie an einem Ort
Damit Schwerstkranke schnell und ohne Standortwechsel versorgt werden können, entwickeln Forschende mit M²OLIE („Mannheim Molecular Intervention Environment“) einen hochautomatisierten, interdisziplinären Behandlungspfad. Dieser wird zunächst als Pilotprojekt am Mannheimer Forschungscampus aufgebaut und soll alle Schritte von der Diagnose bis zur Therapie unter einem Dach bündeln.
Alles in einem Kreislauf
Der Weg der Patienten ist in M²OLIE digital vernetzt, von Aufnahme über Bildgebung bis zur individuellen Therapie. Tumorgewebe wird direkt vor Ort analysiert, Fachbereiche stimmen sich zeitnah ab. Jeder Schritt liefert Daten für den nächsten, automatisiert und datenschutzkonform gesteuert durch zentrale Koordination. Das spart doppelte Untersuchungen und vereinfacht den Datenaustausch.
So sorgen modularer Aufbau und zentrale Steuerung für Effizienz
Alles startet mit der Patientenaufnahme. Statt einer zeitaufwendigen Datenerhebung durch Klinikpersonal erfassen Patientinnen und Patienten ihre Krankengeschichte selbstständig über ein spezielles Tablet. Das Gerät bietet auch digitale Aufklärung und medizinisches Personal steht für Rückfragen bereit. Perspektivisch wird das digitale Patientenaufnahmesystem TEDIAS integriert, um Routineprozesse in der Klinik noch weiter zu optimieren. Darauf folgt der M²OLIE-Behandlungsablauf aus vier Modulen:
- Das Modul mit zentralem Steuerelement bildet das Herzstück, das alle Systeme und Geräte vernetzt und koordiniert. Über ein Cockpit behalten Ärztinnen und Ärzte hier Einblick in erledigte sowie anstehende nächste Schritte, Verfügbarkeit von Geräten sowie die Daten des Behandelten. Zukünftig werden Zugänge zu den wichtigsten medizinischen Datenplattformen eingebunden. Für Patientinnen und Patienten gibt es eine eigene Oberfläche, mit der sie per mobiler Anwendung durch die Behandlung begleitet und unterstützt werden.
- Im Modul Interventionsraum werden die einzelnen Metastasen mithilfe verschiedener Bildgebungsverfahren, deren Befunde zusammen ausgewertet werden, präzise lokalisiert. Darauf basierend hilft ein OP-Roboter, der den Namen „guidoo“ trägt, bei der gezielten Entnahme der Gewebeproben, die direkt ins Labor gebracht werden.
- Im Modul Labor wird das Biopsiematerial automatisiert analysiert. Für jede Metastase entsteht ein molekularer „Fingerabdruck“, der Ärztinnen und Ärzten gezielt Informationen für die individuell passende Behandlung liefert.
- Im Modul Tumorboard wird per App ad hoc ein digitales Tumorboard zusammengerufen, das den Fall ortsunabhängig und ohne Zeitverzögerung bespricht. Die App bietet Zugriff auf alle relevanten Patientendaten sowie das Wissen aus Leitlinien und ersetzt den herkömmlichen, oft verzögerten Ablauf mit festen Besprechungsterminen des Tumorboards und externen Befundanalysen.
Von der Forschung in die Klinik
Noch befindet sich M²OLIE in der Entwicklung, einzelne Module wie der Assistenzroboter „guidoo“, das digitale Tumorboard und das Cockpit werden bereits im unmittelbaren klinischen Umfeld getestet. Als Leuchtturmprojekt soll am Mannheimer Campus ein eigenes Gebäude entstehen, in dem der gesamte M²OLIE-Prozess über mehrere Stockwerke räumlich integriert wird – von der Diagnose bis zur Therapie. Langfristig sollen die entwickelten Prozesse auch an anderen Kliniken etabliert werden.
Hightech und Planungssicherheit für die Krebsmedizin der Zukunft
M²OLIE ist Teil der Forschungscampus-Initiative des Bundesforschungsministeriums (BMFTR) und wird seit 2013 gefördert – aktuell in der dritten und letzten Phase bis 2029 mit weiteren 10 Millionen Euro.