„In Extremsituationen wächst der Mensch über sich hinaus.“

Fabian Hölscher hat sich von der Brustkrebsdiagnose seiner Frau nicht unterkriegen lassen. Durch ihren positiven Umgang mit der Krankheit konnten beide Kraft und Zuversicht gewinnen – das möchten sie anderen Erkrankten weitergeben.

Fabian Hölscher und seine Frau

Fabian Hölscher und seine Frau haben gelernt, die schönen Momente wirklich zu genießen.

Fabian Hölscher

Herr Hölscher, Ihre Frau hat während ihrer Schwangerschaft die Diagnose „Brustkrebs“ erhalten. Wie sind Sie als Angehöriger mit der Krankheit umgegangen? Was hat Sie am meisten beschäftigt und was hat Ihnen in dieser Situation am meisten geholfen?

Fabian Hölscher: Vor der Diagnose waren wir auf Wolke Sieben unterwegs. Wir hatten ein Haus gekauft, meine Frau wurde auf Anhieb schwanger, alles lief perfekt. Dann kam in der 27. Schwangerschaftswoche die Diagnose Brustkrebs; hormonell bedingt. Ich spürte meinen Herzschlag im ganzen Körper. Innerhalb von Sekunden wirst du durchgereicht bis in die Hölle. Natürlich fragst du dich sofort: Wie stehen die Heilungschancen? Was bedeutet das für unser Kind? Da uns vor allem auf die zweite Frage an diesem Tag niemand eine befriedigende Antwort geben konnte, bestellte sich meine Frau noch auf dem Nachhauseweg ein Buch von einer Frau, die ein ähnliches Schicksal ereilt hatte und ein gesundes Kind zur Welt bringen konnte - „Babybauch und Chemoglatze“ von Sandra Röpe. Dieses Buch hat uns extreme Hoffnung gegeben und war für uns wegweisend. Wir wussten, was uns bevorstand. Entsprechend fokussiert gingen wir die folgenden Monate, mittlerweile Jahre an. Wir wussten, dass diese Geschichte positiv ausgehen kann. Außerdem war unser ungeborene Sohn die beste Motivation, gemeinsam durch diese Hölle zu gehen.

Wie hat Ihr privates Umfeld, z.B. Freunde, Bekannte, Nachbarn, auf die Krebserkrankung reagiert?

Das Umfeld war zunächst entsetzt und erschüttert. Vor allem unsere Eltern taten uns leid, weil auch für sie eine Welt zusammenbrach. Es hat ihnen zwar geholfen, dass wir mental den Hebel schnell umgelegt hatten. Diese Stärke sorgte aber auch dafür, dass sie die Krankheit unserer Meinung nach etwas verharmlosten. Nach dem Motto: Die Heilungschancen stehen ja eh gut. Das empfanden wir als unsensibel und kontraproduktiv. Trotzdem waren sie immer für uns da.

Eine große Herausforderung für mich war es, Verständnis dafür aufzubringen, dass Freunde und sogar engste Familienmitglieder zwar ihre Unterstützung zugesagt, sich dann aber sehr selten bis gar nicht bei uns gemeldet haben. Vielleicht war es zu viel verlangt und ich hätte auf sie zugehen müssen. Ich hörte oft den Satz: Wir wollen euch ja auch nicht stören. Dabei gingen wir sehr offen mit dem Thema um und jeder Kontakt hätte geholfen. Erfreulicherweise gab es aber auch einige Freunde, die immer da waren. 

Haben Sie sich nach der Diagnose gezielt über die Krankheit informiert? Waren die vorhandenen Informationen für Sie ausreichend oder hätten Sie sich andere oder zusätzliche Informationen gewünscht?

Wenn ich etwas bewundere, dann die Art und Weise, wie meine Frau nach der Diagnose mit ihrer Krankheit umgegangen ist. Sie hat sich Fachliteratur zum Thema beschafft, sich stets Zweitmeinungen eingeholt und sich vor allem auch mit unterstützenden Therapien wie Meditation, Visualisierung etc. auseinandergesetzt. Letztlich haben wir, was die Therapien betrifft, eine Kombination aus den zur Verfügung stehenden schulmedizinischen und alternativen Behandlungen gewählt. Wichtig war meiner Frau immer, dass sie weiß, wovon die Ärzte sprechen. Ich sage heute öfter etwas süffisant, sie könnte sich mittlerweile selbst in den OP stellen.
Was uns häufig enttäuscht hat, war die Tatsache, dass die Schulmediziner in unserem Fall Komplementärmedizin gänzlich ignorierten oder ihren Nutzen komplett infrage stellten. Selbst, wenn sie nur einen Placebo-Effekt haben sollten, haben sie meiner Frau extrem geholfen. Manche Ärzte rieten sogar von Sport und gesunder Ernährung ab. Wir fanden es immer sehr befremdlich, wenn in der Chemo-Gruppe Kuchen mitgebracht wurde. Meine Frau dagegen stand bis zwei Wochen vor Geburtstermin auf dem Crosstrainer!

Haben Sie als Angehöriger auch die Unterstützung und Betreuung durch professionelle Organisationen in Anspruch genommen? Hatten Sie das Gefühl, die von Ihnen gewünschte Unterstützung zu bekommen?

Ich habe eine Betreuung bis heute nicht in Anspruch genommen. Ich maße mir nicht an, heute zu beurteilen, ob ich sie nötig gehabt hätte, aber ich hatte immer das Gefühl, die Lage im Griff zu haben. Die Angebote wurden davon abgesehen aber für Angehörige auch nicht angeboten. Alles, was ich unternommen hatte, war der sporadische Besuch einer Psychoonkologin, die auch meine Frau heute noch regelmäßig aufsucht. Ich hatte allerdings nach ein paar Sitzungen nicht mehr das Gefühl, ihre Hilfe zu benötigen. Mit Freunden darüber zu reden, war mir wichtiger.

Wie hat sich Ihr Wissen über Krebs auf Ihre eigene Lebensweise ausgewirkt?

Es klingt skurril, aber mit dieser Krankheit Bekanntschaft gemacht zu haben, hat meine Sicht aufs Leben deutlich verändert – und zwar zum Positiven. Bei meiner Frau ist mittlerweile drei Mal der Krebs zurückgekommen, aber er hat bis heute nicht gestreut, es bestehen also immer noch Chancen, dass wir irgendwann langfristig Ruhe haben werden.

Und es ist tatsächlich so, dass ich diese Erfahrung mit Krebs als äußerst kostbar empfinde. Wie oft verläuft das Leben bis ins hohe Alter gradlinig und wie oft wird Gesundheit von uns als selbstverständlich angesehen?! Das Leben zu schätzen und die Momente – vor allem mit unserem Sohn – wirklich zu genießen, das ist der große Benefit dieser Krankheit. Gleichwohl wäre es schöner, gesund zu dieser Erkenntnis zu kommen – leider schwierig.

Welche positiven und welche negativen Erfahrungen haben Sie im klinischen Alltag gemacht? Wie werden Angehörige von Betroffenen hier eingebunden?

Ich war gerade in den ersten Monaten der Erkrankung bei jedem Termin dabei. Ich wollte wissen, was auch auf uns zukommt und wollte damit meiner Frau signalisieren, dass sie da nicht allein durch muss. Das haben auch die Ärzte mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen, vor allem auch die Psychoonkologin des Brustzentrums. Von ihr hörten wir regelmäßig den Satz: „Sie machen das genau richtig.“ Vielleicht wurde mir als Angehöriger auch deswegen nichts angeboten.

Ihre Frau hat zahlreiche Operationen, Chemotherapien und Bestrahlungen hinter sich. Was bedeutet dies an organisatorischem, administrativem und auch finanziellem Aufwand in der Praxis und wie sind Sie damit umgegangen?

Ich hatte den großen Vorteil, als Selbstständiger ein komplettes Jahr in Elternzeit gehen zu können. Unser Kind wurde damals während der Chemotherapie per Kaiserschnitt geholt. Mit dem Tag schlüpfte ich quasi in die Rolle des alleinerziehenden Papas. Für meine Frau ging es wenige Tage nach der Geburt mit der Therapie weiter. Ich musste mich also um zwei Menschen kümmern. Das war sicher nicht immer leicht, zumal wir keinerlei Anspruch auf Haushaltshilfe oder ähnliches hatten. Generell waren wir aber sehr froh, dass es das Instrument der bezahlten Elternzeit überhaupt gibt. Sonst hätten wir finanzielle Probleme bekommen.

Hat die Krankheit trotz aller Belastungen auch irgendeinen positiven Aspekt für Sie? Und was würden Sie vielleicht gerne anderen Erkrankten und Angehörigen weitergeben?

Wie schon oben erwähnt, kann so ein Schicksalsschlag auch die Augen öffnen. Das sage nicht nur ich als Angehöriger, sondern auch meine Frau. Sie ist wie eine Löwin durch sämtliche Therapien gegangen. Ich dachte manchmal: Wo holt sie diese Kraft her? Aber wir haben beide die Erfahrung gemacht, dass der Mensch in Extremsituationen über sich hinauswachsen kann. Es war ein Stahlbad, das unsere Beziehung gestärkt hat. Sicher war es nicht immer leicht, zumal jeder Rückschlag Zweifel aufkommen lässt. Aber in diesen Momenten zusammenzuhalten und zu wissen, wofür man wieder und wieder den Aufwand betreibt, ist für mich entscheidend und so haben wir den Optimismus nie verloren. Sicher gibt es kein Patentrezept, aber mit der richtigen Einstellung, einigen Optimierungen in seinem Leben und guten Ärzten, lässt sich diese Krankheit aufhalten und vielleicht sogar besiegen.

Fabian Hölscher arbeitet als Hörfunk-Redakteur, Moderator, Sportjournalist und Profisprecher. In der 27. Schwangerschaftswoche erhielt seine Frau die Diagnose Brustkrebs. Seitdem hat er sie durch Operationen, zahlreiche Chemotherapien sowie Bestrahlungen begleitet und sich parallel um seinen gesunden Sohn gekümmert. Seine Devise: Mit dem Willen und dem Mut, sich auf das Positive zu konzentrieren, kann man als Angehöriger einen hilfreichen Umgang mit der Krankheit Krebs finden und aus der Erfahrung sogar gestärkt hervorgehen.