Den Kopf gegen den Tumor wappnen

Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) wird erstmals erprobt, ob ein Impfstoff, der sich gegen eine bestimmte Gliomart richtet, Erkrankte vor Rückfällen schützen kann.

Gliome sind Hirntumoren, die sich diffus im Gehirn ausbreiten und zu bösartigen Glioblastomen werden können. Bei etwa der Hälfte aller Hirntumoren lautet die Diagnose Gliom. „Schon in frühen Stadien beginnen die Tumorzellen zu wandern und das Gehirn mit einer Art Netzstruktur zu durchziehen. Sie durch eine Operation oder Bestrahlung vollständig zu entfernen ist daher unmöglich“, beschreibt Professor Michael Platten, ärztlicher Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Mannheim und Leiter der Klinischen Kooperationseinheit Hirntumorimmunologie am Deutschen Krebsforschungszentrum, die schwierige Situation. „Glioblastomzellen werden schnell resistent gegen alle bisher verfügbaren Therapien. Auch zielgerichtete Therapeutika, die bei anderen Krebsarten erfolgreich sind, wirken hier meist nicht.“

Früher oder später kommt es daher bei fast allen Patientinnen und Patienten zu Rückfällen. Zwar können dann Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie häufig nochmals eingesetzt werden, dennoch ist die Lebenserwartung immer noch vergleichsweise niedrig.

Gliom

Bei der Hälfte aller Hirntumorpatienten lautet die Diagnose „Gliom“.

Tobias Schwerdt/DKFZ

 „Das Immunsystem hat alles, was es braucht, um den Tumor zu bekämpfen“

Im DKTK entwickelten Platten und Kollegen kürzlich einen neuen therapeutischen Impfstoff gegen Gliome. „Der Vorteil eines Impfstoffes ist, dass die Zellen des Immunsystems prinzipiell alles haben, was es braucht, um die Blut-Hirn-Schranke zu passieren und einen Tumor im Gehirn spezifisch zu bekämpfen. Viele andere Wirkstoffe müssen erst aktiv durch die Blut-Hirn-Schranke transportiert werden. Zudem werden die Tumorzellen gegen solche Wirkstoffe häufig resistent“, sagt Platten.

Nach ersten Erfolg versprechenden Ergebnissen in Mäusen prüft die klinische Studie NOA-16 jetzt, ob ihr Impfstoff verhindern kann, dass Gliome nach der Behandlung wieder auftreten. Das Wissenschaftlerteam um Platten konzentriert sich dabei auf das Enzym Isocitrat-Dehydrogenase 1 (IDH1), das vor allem bei der Mehrzahl der niedriggradigen Gliome charakteristisch und tumorspezifisch verändert ist: An Position 132 bauen die Krebszellen anstelle der im ursprünglichen Bauplan vorgesehen Aminosäure einen anderen Eiweißbaustein ein.

Charakteristischer Fehler in Gliomzellen

Prof. Dr. Michael Platten

Prof. Dr. Michael Platten ist Ärztlicher Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Mannheim.

Michael Platten

Platten erklärt, warum diese hochspezifische Mutation für die Immunologen einen so guten Angriffspunkt bietet: „Teile des veränderten Enzymes werden auf der Oberfläche von Tumorzellen präsentiert und sind daher für das Immunsystem als fremd erkennbar. Bei Gliomen tritt genau diese Mutation mit einer Häufigkeit von 80 Prozent auf. Zudem ist die IDH1-Mutation eine sehr frühe Veränderung im Verlauf des Tumorwachstums, die daher in allen Tumorzellen vorhanden ist.“ In Mäusen mit Zellen der menschlichen Immunabwehr bewirkte der Impfstoff einen Wachstumsstopp der Krebszellen mit der charakteristischen IDH1-Mutation. Die Funktion des normalen IDH1-Enzyms dagegen, das in allen gesunden Körperzellen eine Rolle im Energiestoffwechsel übernimmt, wurde durch die Impfung nicht beeinträchtigt.

Die richtigen Reaktionen aus dem Immunsystem herauskitzeln

Für Gliompatientinnen und -patienten bieten alle Zentren des DKTK eine umfassende molekulare Untersuchung an, um zu prüfen, ob ihnen der Impfstoff helfen könnte. Bis Januar 2017 wurden im Rahmen der Phase-I-Studie 33 Erkrankte mit Gliomen geimpft. Nach der Impfung untersuchen die Forschenden durch Blutanalysen und bildgebende Verfahren, wie das Immunsystem auf den Impfstoff reagierte und ob Nebenwirkungen aufgetreten
sind.

Mit dem bisherigen Verlauf der Studie ist Platten so weit zufrieden: „Alle Erkrankten haben den Impfstoff erwartungsgemäß gut vertragen, und wir konnten bei den meisten von ihnen nennenswerte Immunreaktionen beobachten.“ Ob die beobachtete Immunantwort ausreicht, um die nach einer Behandlung verbliebenen Tumorzellen dauerhaft unter Kontrolle zu bringen, wie lange der Immunschutz anhält und weitere Fragen klären die Forscherinnen und Forscher derzeit in Detailanalysen.

Erste Ergebnisse aus NOA-16, die Ende 2017 vorliegen werden, dürften bei der immuntherapeutischen Forschung weltweit auf großes Interesse stoßen. Nach dem Start von NOA-16 sind jetzt auch in China und den USA klinische Studien mit Impfstoffen gegen die IDH1-Mutation angelaufen. Platten hofft, Patientinnen und Patienten bald noch zielgerichteter in einer Folgestudie behandeln zu können. „Die Ergebnisse der Studie werden uns zeigen, welche Personen besonders gut auf den Impfstoff ansprechen. Wir werden kein Allheilmittel gegen das Gliom entwickeln, aber einzelne Erkrankte könnten davon entscheidend profitieren.“

Das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung

Das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung, kurz DKTK, ist eines von sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und den Ländern gefördert werden. Im DKTK bündeln Forscherinnen und Forscher aus mehr als 20 universitären und außeruniversitären Einrichtungen in ganz Deutschland ihre Kräfte im Kampf gegen Krebserkrankungen. Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg verbindet sich als Kernzentrum mit acht universitären Partnerstandorten im Konsortium mit einigen der stärksten Krebsforschungs- und Krebstherapiezentren in Deutschland.


Ansprechpartner:

Prof. Dr. Michael Platten
Ärztlicher Direktor/Chairman
Neurologische Klinik/Department of Neurology
Universitätsmedizin Mannheim,
Universität Heidelberg
Theodor-Kutzer-Ufer 1–3
68167 Mannheim
0621 383-2885
michael.platten@umm.de

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