„Da zählt jeder Millimeter“

Krebspatientinnen und -patienten in Dresden profitieren von einer innovativen, besonders gewebeschonenden Protonentherapie. „OncoRay“-Direktorin Mechthild Krause über die Weltneuheit „DirectSPR“ und den direkten Weg von der Forschung zum Patienten.

Illustration der DirectSPR-Methode

Die DirectSPR-Methode (links) führt zu einer deutlich geringeren Strahlenbelastung für das gesunde Gewebe, während zugleich eine höhere Dosis auf das Tumorgewebe treffen kann.

Illustration: OncoRay / Christian Hahn, Nils Peters

Frau Professor Krause, welche Verbesserung bringt die neue DirectSPR-Methode für die Strahlentherapie?

Mechthild Krause: DirectSPR haben wir gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg entwickelt. Diese neue Methode liefert uns genauere Informationen über die Gewebezusammensetzung. Dadurch dass zwei Computertomographien mit verschiedenen Energien erstellt werden, ist die Auflösung feiner und wir können damit deutlich besser berechnen, wie tief der Strahl in den Körper wirklich eindringt. Vorher gab es immer ein paar Millimeter Unsicherheit, die wir in der Bestrahlungsplanung berücksichtigen mussten. Diese Unsicherheit ist jetzt deutlich reduziert.

Welchen Vorteil haben Patienten durch diese neue Methode?

Durch die Protonentherapie haben Patienten sowieso schon den Vorteil, dass mehr gesundes Gewebe geschont wird als bei der Behandlung mit Röntgenstrahlen. Mit der neuen Methode können wir die Bestrahlung optimieren und noch mehr gesundes Gewebe schonen. Das ist besonders dann wichtig, wenn der Tumor sehr nahe an empfindlichem Gewebe und an empfindlichen, gesunden Organen liegt. Zum Beispiel im Gehirn oder auch in der Nähe vom Rückenmark, da zählt jeder Millimeter.

Ab wann können Patienten von der DirectSPR-Methode profitieren?

Nach umfangreichen klinischen Studien können wir die neue Methode jetzt, als weltweit erstes Zentrum, in der Universitäts ProtonenTherapie Dresden für Patienten nutzen, insbesondere bei Prostata- und Hirntumoren. Die ersten Patienten sind bereits damit behandelt worden.

Welche Rolle spielt die fachübergreifende Zusammenarbeit am OncoRay bei der Entwicklung solcher neuen Methoden und deren schnelle Überführung in die Praxis?

Wir haben den Vorteil, dass wir in unserem Zentrum eine direkte Interaktion zwischen den verschiedenen Fachleuten durch die räumliche Nähe sicherstellen. Bei uns am Zentrum gibt es sowohl Forschung als auch klinische Behandlung. Die forschenden Physiker und die behandelnden Ärzte kommunizieren eng miteinander und klinische Fragen kommen direkt an die forschenden Kollegen. Dadurch haben wir einen großen zeitlichen Vorteil und können neue Methoden wie die DirectSPR sehr schnell in die Klinik bringen.

OncoRay-Direktorin Mechthild Krause im Porträt

"Wir können neue Methoden wie die DirectSPR sehr schnell in die Klinik bringen", sagt OncoRay-Direktorin Mechthild Krause.

Philip Benjamin/NCT Dresden

Welche Bedeutung hat das Dresdner OncoRay-Zentrum für die deutsche Krebsforschung?

Wir haben inzwischen deutschlandweit und international eine hohe Anerkennung. Zusammen mit Heidelberg sind wir das Nationale Zentrum für Strahlenforschung in der Onkologie und Partner des Nationalen Zentrums für Tumorerkrankungen. Am OncoRay wollen wir weiterhin Ergebnisse aus der klinischen Forschung in die Klinik transferieren – insbesondere bei der Personalisierung der Strahlentherapie und in der physikalischen Weiterentwicklung der Protonentherapie. Wir wollen in den nächsten Jahren eine MRT-geführte Protonentherapie entwickeln, um die Präzision weiter zu erhöhen. Das ist wichtig bei Tumoren, die sich bewegen, zum Beispiel während der Atmung. Man kann den Tumor dann während der Bewegung verfolgen und immer nur dann bestrahlen, wenn er in einer bestimmten Position ist. Der Bestrahlungsplan wird an die Position angepasst. In den kommenden acht Jahren wollen wir einen Prototyp dieser MRT-geführten Protonentherapie in Dresden stehen haben.

Was sind Ihrer Meinung nach die großen Herausforderungen im Kampf gegen Krebs?

Ich glaube, dass die Patienten immer älter werden und dass wir nicht alles, was wir in der Krebstherapie entwickeln, auf alle anwenden können. Konzepte für ältere Patienten mit einem schlechten Allgemeinzustand fehlen uns noch, daran müssen wir arbeiten. Die zweite Herausforderung ist, dass Therapiemethoden für die personalisierte Onkologie, die wir entwickeln, zunächst sehr teuer sind. Wir müssen einen Weg für Therapiekonzepte finden, die vom Gesundheitssystem tragbar sind. Ich glaube, das geht, weil mir mit neuen Konzepten unnötige Therapien verhindern und damit Geld sparen. Am wichtigsten sind jedoch Prävention und Früherkennung.

Mechthild Krause

Professor Mechthild Krause ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der Universitätsklinik Carl Gustav Carus in Dresden und leitet das Nationale Zentrum für Strahlenforschung in der Onkologie OncoRay. OncoRay wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als Zentrum für Innovationskompetenz (ZIK) im Rahmen der Innovationsinitiative „Unternehmen Region“ gefördert.